Short story
Die Stimme im Babyfon
Every night at eleven, the baby monitor of a young couple in Kiel picks up an old man's voice reading fairy tales, and then one night it falls silent.
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Words to know (12)
- angeblich · supposedly
- die Wickelkommode · changing table
- der Lautsprecher · loudspeaker
- erschrocken · startled, frightened
- empfangen · to receive, pick up (a signal)
- das Märchen · fairy tale
- erfinden · to make up, invent
- die Möwe · seagull
- vermissen · to miss (someone)
- gegenüber · opposite
- vergesslich · forgetful
- einschlafen · to fall asleep
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Als Jule und Daniel im März ihre Tochter Ida bekamen, kauften sie alles, was junge Eltern brauchen: einen Kinderwagen, eine und ein Babyfon. Ihre Wohnung in Kiel war klein, aber Ida schlief im Nebenzimmer, und mit dem Babyfon konnten sie jedes Geräusch hören. Das hatte die Verkäuferin jedenfalls versprochen.
In der dritten Nacht hörten sie tatsächlich etwas, allerdings nicht Ida. Aus dem kleinen kam die Stimme eines alten Mannes. Er las vor, langsam und ruhig: „Es war einmal eine Fischerin, die wohnte in einer Hütte direkt am Meer …“ Jule setzte sich im Bett auf. Daniel lief ins Kinderzimmer, aber dort lag nur Ida und schlief tief und fest.
Am nächsten Tag las Daniel im Internet, dass Babyfone manchmal die Signale von anderen Geräten in der Nähe Irgendwo in der Nachbarschaft musste also ein zweites Babyfon stehen. Aber wer las um diese Zeit einem Baby vor, und mit so einer alten Stimme?
Der Mann las jede Nacht, immer gegen elf, und immer eine andere Geschichte. Manche kannten sie, andere hatte er offenbar selbst von einem Leuchtturm, der sich in ein Segelboot verliebte, oder von einer die nicht fliegen wollte. Am Ende sagte er jedes Mal denselben Satz: „Schlaf gut, mein Schatz. Ich bin nebenan.“ Nach einer Woche merkten Jule und Daniel etwas Seltsames: Ida schlief viel besser, wenn der Mann las. Sie selbst übrigens auch.
Dann, Ende April, blieb das Babyfon still. Eine Nacht, zwei Nächte, eine ganze Woche. Ida weinte mehr als sonst, und Jule lag wach und wartete. „Vielleicht ist ihm etwas passiert“, sagte sie. Daniel schrieb einen Zettel und hängte ihn an die eigene Haustür und an die Türen der Nachbarhäuser: „Wer liest nachts vor? Wir Sie!“
Zwei Tage später klingelte es. Vor der Tür stand ein großer, alter Mann mit dem Zettel in der Hand. Er hieß Hinrich Claasen und wohnte im Haus im Erdgeschoss. Seine Frau Elke war sehr krank und gewesen, erzählte er, und nachts hatte sie oft Angst gehabt. Deshalb hatte er sich jeden Abend an ihr Bett gesetzt und ihr vorgelesen, wie früher den Kindern. Danach war er ins Wohnzimmer gegangen und hatte über das Babyfon gehört, ob sie ruhig schlief. Vor zehn Tagen war Elke gestorben.
Jule wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie kochte Tee. Herr Claasen saß lange auf dem Sofa, mit Ida auf dem Arm, und erzählte von Elke und von den zweiundfünfzig Jahren, die sie zusammen gewesen waren. Irgendwann merkte er, dass Ida in seinen Armen war.
Seit diesem Tag kommt Herr Claasen jeden Mittwochabend zu ihnen. Er bringt ein Buch mit, setzt sich ans Kinderbett und liest vor. Wenn Ida ist, sagt er leise: „Schlaf gut, mein Schatz.“ Und manchmal, wenn Jule ganz still im Flur steht, hört sie ihn noch etwas sagen, eher zu sich selbst als zu dem Kind: „Ich bin nebenan.“
Comprehension check
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1. What do Jule and Daniel hear on the third night?
2. What does Daniel find out on the internet?
3. What do Jule and Daniel notice after a week?
4. Why had Herr Claasen read aloud every evening?