Short story
Zimmer zwölf
A new night porter in an Innsbruck hotel is told to keep one room free on one particular night every year, and he wants to know why.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- der Nachtportier · night porter
- merkwürdig · strange, odd
- die Anweisung · instruction
- ausreichend · sufficient
- bar bezahlen · to pay in cash
- der Ausweis · ID card
- angeblich · supposedly
- unberührt · untouched
- der Gipfel · summit, peak
- schaffen · to manage (to do)
- schwach · weak
- die Krähe · crow
Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.
Stefan Wimmer arbeitete erst seit drei Wochen als im Hotel Alpenblick in der Innsbrucker Altstadt, als ihm sein Chef, der alte Herr Pichler, eine gab. „Am zwölften Oktober bleibt Zimmer zwölf frei“, sagte er. „Egal, was passiert. Auch wenn jemand tausend Euro dafür bietet.“
„Warum?“, fragte Stefan. „Weil Frau Lindner kommt“, antwortete Herr Pichler, als wäre das eine Erklärung. Mehr wollte er nicht sagen.
Am zwölften Oktober kurz vor Mitternacht öffnete sich tatsächlich die Tür, und eine alte Dame mit einem kleinen Koffer kam herein. Sie war elegant angezogen und ging langsam, aber sehr gerade. „Zimmer zwölf, bitte“, sagte sie, bezahlte und nahm den Schlüssel, ohne ihren zu zeigen. Stefan wollte noch etwas sagen, aber sie stand schon im Aufzug.
In dieser Nacht konnte Stefan nicht aufhören, an sie zu denken. Gegen drei Uhr brachte er einen Tee nach oben, als Service des Hauses. Unter der Tür von Zimmer zwölf war Licht. Als Frau Lindner öffnete, sah er, dass das Bett war. Ein Stuhl stand direkt am Fenster, von dem aus man über den Inn bis zur Nordkette sehen konnte.
„Sie wundern sich, nicht wahr?“, sagte sie und nahm den Tee. „Mein Mann und ich haben hier 1966 unsere erste gemeinsame Nacht verbracht. Am nächsten Morgen sind wir auf die Nordkette gestiegen. Vierzig Jahre lang sind wir jedes Jahr am dreizehnten Oktober dort hinaufgegangen. Seit er tot ist, ich den Weg nicht mehr. Also sitze ich hier und warte, bis die Sonne auf den scheint.“
Um acht Uhr gab sie den Schlüssel zurück, bedankte sich für den Tee und verschwand im Morgennebel. Herr Pichler erzählte später, dass sie seit fünfzehn Jahren kam, immer in derselben Nacht, und dass sie nie gefrühstückt hatte.
Ein Jahr später hielt Stefan das Zimmer frei, wie er es versprochen hatte. Aber um Mitternacht kam niemand. Um eins auch nicht. Um sieben klingelte das Telefon an der Rezeption. „Hier ist Margarete Lindner“, sagte eine Stimme. „Ich liege im Krankenhaus in Wien. Ist Zimmer zwölf frei?“ – „Natürlich“, sagte Stefan. „Wären Sie so nett, für mich ans Fenster zu gehen?“
Stefan nahm das Telefon mit nach oben, setzte sich auf den Stuhl am Fenster und wartete. Langsam wurde der Himmel hell. Dann berührte das erste Licht den höchsten der Nordkette, und Stefan begann zu beschreiben, was er sah: das Rosa auf den Felsen, den Nebel über dem Fluss, eine auf dem Dach gegenüber. Am anderen Ende war es lange still. „Danke“, sagte Frau Lindner schließlich. „Genau so hat es immer ausgesehen.“
Comprehension check
0/4 answered
1. What instruction did Stefan get from his boss?
2. What did Stefan notice when he brought the tea?
3. Why does Frau Lindner come to the hotel every year?
4. What happens the following year?