Short story
Das Gutachten
An impatient dentist brings a romantic landscape painting to a Munich restorer and needs her to confirm by Friday that it is genuine.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- das Gutachten · expert report, appraisal
- das Misstrauen · suspicion, distrust
- einschlagen (in Papier) · to wrap (in paper)
- der Nachlass · estate (of a dead person)
- hoch gehandelt · fetching high prices (on the art market)
- eindeutig · clear, unambiguous
- das Lösungsmittel · solvent
- freilegen · to uncover, to expose
- widerwillig · reluctantly
- erfrieren · to freeze to death
- nüchtern · soberly, matter-of-factly
- jemandem etwas zuschreiben · to attribute something to someone
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Katrin Hofer restaurierte seit über zwanzig Jahren Gemälde in ihrer kleinen Werkstatt in der Münchner Maxvorstadt, und sie hatte gelernt, Kunden, die es eilig hatten, mit einem gewissen zu begegnen. Konrad Albrecht hatte es sehr eilig. Der Zahnarzt aus Starnberg stellte an einem Montagmorgen ein in Packpapier Bild auf ihren Arbeitstisch und sah dabei zweimal auf seine Uhr. „Eine Alpenlandschaft von Ludwig Haller, um 1840“, sagte er. „Aus dem meines Großvaters. Ich brauche bloß ein damit das Auktionshaus es annimmt. Bis Freitag, wenn's geht.“
Das Bild war tatsächlich schön: ein See im Abendlicht, dahinter schneebedeckte Gipfel, im Vordergrund ein winziger Wanderer mit Stock. Haller, ein zu Lebzeiten kaum beachteter, inzwischen aber hoch Maler, hatte genau solche Motive geliebt. Trotzdem hatte Katrin von Anfang an ein seltsames Gefühl. Die Farben wirkten eine Spur zu frisch, und der schwere Goldrahmen passte nicht ganz zum Format.
Am Dienstag untersuchte sie das Gemälde unter UV-Licht. Am Mittwoch nahm sie mit einem Skalpell eine winzige Farbprobe vom Rand und schickte sie an ein Labor in Nürnberg. Am Donnerstag rief die Laborleiterin an. Das Ergebnis sei sagte sie: Im Weiß der Berggipfel stecke Titanweiß, ein Pigment, das man erst ab etwa 1920 verwendet habe. Ein Maler, der 1856 gestorben sei, könne es also kaum benutzt haben, es sei denn, er habe zwischendurch eine Zeitreise unternommen.
Das war aber noch nicht alles. Unter dem UV-Licht hatte Katrin in der linken unteren Ecke, verborgen unter einer späteren Farbschicht, Buchstaben entdeckt. Mit Wattestäbchen und unendlicher Geduld sie sie Es war keine Signatur von Haller. Dort stand in feiner, sorgfältiger Schrift: „Für Marianne, die nie in die Berge wollte. W. A., 1953“.
Am Freitag kam Albrecht pünktlich um neun. Katrin bat ihn, sich zu setzen, was er nur tat. Sie erklärte ihm das Ergebnis so sachlich wie möglich. Er hörte zu, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen, und wurde dabei immer blasser. „W. A.“, sagte er schließlich. „Walter Albrecht. Das war mein Großvater. Er war Zeichenlehrer an einem Gymnasium in Rosenheim. Und Marianne war meine Großmutter.“
Dann erzählte er, sein Großvater habe sein Leben lang davon geträumt, Maler zu werden, aber nie den Mut gehabt, seine sichere Stelle aufzugeben. Die Großmutter wiederum habe Berge gehasst, weil sie als Kind in einem Schneesturm beinahe sei. „Er hat ihr die Berge also gemalt, damit sie sie von der Küche aus anschauen konnte, ohne zu frieren“, sagte Albrecht leise. „Und irgendwann hat jemand in der Familie beschlossen, das sei ein echter Haller. Wahrscheinlich, weil es so gut war.“
Katrin schob ihm das schriftliche über den Tisch. Darin stand das Werk sei nicht Ludwig Haller sondern stamme aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Für das Auktionshaus war es damit praktisch wertlos. „Es tut mir leid“, sagte sie. „Sie hatten sicher mit einem anderen Ergebnis gerechnet.“
Albrecht schüttelte den Kopf. Zum ersten Mal in dieser Woche schien er keine Eile zu haben. Er betrachtete den kleinen Wanderer am See, als sähe er ihn zum ersten Mal. „Wissen Sie was?“, sagte er dann. „Ich glaube, ich hänge es in meine Praxis. Ins Wartezimmer. Da sitzen die Leute auch immer und wären eigentlich lieber woanders.“
Comprehension check
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1. Why did Konrad Albrecht bring the painting to Katrin?
2. What did the laboratory find?
3. Why did Walter Albrecht paint the mountains for Marianne?
4. What does Albrecht decide to do with the painting?