Short story
Die Katze des Dombaumeisters
A Regensburg tour guide who once made up a legend to wake up a tired tour group is invited for coffee by a retired historian with some awkward questions.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- das Gerüst · scaffolding
- fauchen · to hiss (of a cat)
- abergläubisch · superstitious
- einstürzen · to collapse
- verwittert · weathered
- der Vorsprung · ledge, projection
- zücken · to pull out (quickly)
- aufschnappen · to pick up (something heard)
- mulmig · uneasy, queasy
- ohne Umschweife · without beating about the bush
- verschollen · lost, missing (for a long time)
- jemandem etwas entziehen · to take something away from someone (a licence, a right)
Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.
Theresa Brandl führte seit sieben Jahren Touristen durch die Regensburger Altstadt, und sie war gut darin, vielleicht sogar zu gut. Sie kannte jede Jahreszahl, jedes Patrizierhaus, jede Anekdote über die Steinerne Brücke. Aber an einem verregneten Dienstag mit einer besonders müden Reisegruppe aus Wuppertal hatte sie gemerkt, dass Jahreszahlen allein niemanden wach halten. Also hatte sie, ohne lange nachzudenken, eine Legende erfunden.
Die Legende ging so: Im 14. Jahrhundert habe der Dombaumeister eine Katze besessen, die ihn jeden Tag auf die Baustelle begleitet habe. Sie sei auf den herumspaziert, als gehöre ihr der ganze Dom. Eines Morgens jedoch habe sie sich geweigert, das zu betreten, und wütend Der Meister, ein Mann, habe daraufhin die Arbeit für diesen Tag eingestellt. In der folgenden Nacht sei das Aus Dankbarkeit habe er der Katze ein Denkmal gesetzt: eine kleine steinerne Figur, hoch oben an der Westfassade. An dieser Stelle zeigte Theresa jedes Mal auf einen der mit etwas Fantasie wie ein Tier aussah und mit weniger Fantasie wie ein Stein.
Die Wirkung war erstaunlich. Die Leute ihre Handys, fotografierten den und stellten Fragen. Die Trinkgelder verdoppelten sich. Bald erzählten auch zwei Kollegen die Geschichte, die sie bei Theresa hatten, selbstverständlich ohne die Quelle zu nennen. Ein Souvenirladen in der Goliathstraße begann, kleine Katzen aus Gips zu verkaufen. Und im Internet stand die Legende inzwischen auf mehreren Reiseblogs, einmal sogar mit dem Zusatz, sie sei „historisch gut belegt“.
Theresa hatte ein schlechtes Gewissen, allerdings kein besonders großes. Erst als im Frühjahr ein älterer Herr anfing, jeden Samstag an ihrer Führung teilzunehmen, wurde ihr Er trug einen Tweedmantel, machte sich ständig Notizen und lächelte immer genau an der Stelle mit der Katze. Nach der vierten Führung sprach er sie an. Er heiße Dr. Wendelin Huber, sagte er, sei Historiker im Ruhestand und arbeite für das Kulturamt an einem Projekt über die Altstadt. Ob sie vielleicht einen Kaffee mit ihm trinken würde?
Im Café am Haidplatz kam er ohne zur Sache. Die Stadt plane, am Dom eine kleine Tafel anzubringen, die auf die Katze hinweise. Die Touristen fragten ständig danach, und der Souvenirladen habe sich sogar beim Oberbürgermeister beschwert, dass es keine offizielle Information gebe. Bevor man aber etwas in Bronze gieße, wolle er gern wissen, aus welcher Quelle die Geschichte eigentlich stamme. „Sie sind ja offenbar die Expertin.“
Theresa rührte lange in ihrer Tasse. Sie hätte lügen können; sie hätte eine Chronik erfinden können oder einen Urgroßonkel, der im Domarchiv gearbeitet habe. Stattdessen sagte sie die Wahrheit: Dienstag, Regen, Wuppertal. Sie rechnete mit Empörung, vielleicht sogar damit, dass man ihr die Lizenz als Stadtführerin würde.
Dr. Huber lachte so laut, dass sich die Leute am Nebentisch umdrehten. „Das weiß ich doch längst“, sagte er schließlich und wischte sich die Augen. „Ich habe drei Monate lang in sämtlichen Archiven gesucht. Es gibt keine Katze. Es hat nie eine gegeben. Aber wissen Sie, was das Spannende daran ist? Ich beschäftige mich seit vierzig Jahren mit Legenden, und das ist das erste Mal, dass ich einer beim Entstehen zusehen darf.“
Die Tafel wurde im Herbst angebracht. Sie ist klein, aus Bronze und hängt so niedrig, dass auch Kinder sie lesen können. Darauf steht, der Dombaumeister habe einst eine Katze besessen, die ihn vor einem Unglück bewahrt habe. Darunter, in deutlich kleinerer Schrift: „So erzählt man es sich in Regensburg seit 2019.“
Comprehension check
0/4 answered
1. Why did Theresa first invent the legend?
2. According to the legend, how did the cat save the builder?
3. How does Dr. Huber react to Theresa's confession?
4. What does the small print on the plaque say?