Short story
Die letzte Fähre
On the last ferry to the island of Hiddensee on a stormy November evening, a young man without a ticket tells the captain why he is making the crossing.
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Words to know (12)
- die Überfahrt · crossing (by boat)
- dösen · to doze
- die Reling · ship's railing
- ablegen · to cast off (of a ship)
- das Steuerhaus · wheelhouse
- die Ahnenforschung · genealogy, family history research
- der Bodden · shallow coastal lagoon (on the Baltic)
- verlegen · embarrassed, sheepish
- beiläufig · casually, in passing
- die Leine · mooring line
- erstarren · to freeze, to go rigid
- festmachen · to moor, to tie up
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Ruth Behrens fuhr seit elf Jahren die Fähre zwischen Schaprode auf Rügen und der Insel Hiddensee, und die letzte am Abend war ihr die liebste. Um diese Zeit waren meist nur ein paar Insulaner an Bord, ein Handwerker, der auf seinem Werkzeugkoffer vielleicht ein verliebtes Paar, das trotz der Kälte an der stand. An diesem Abend im November war es anders. Der Wind kam von Westen, das Wasser im war unruhig, und kurz vor dem rannte ein junger Mann die Rampe hinauf, ohne Gepäck, nur mit einer Kuchenschachtel im Arm.
Eine Fahrkarte hatte er nicht, und das Geld in seinem Portemonnaie reichte gerade so. Der Matrose wollte ihn schon zurückschicken, doch Ruth winkte ab. Später, als die Lichter von Schaprode hinter ihnen kleiner wurden, kam der junge Mann nach oben und klopfte an die Scheibe des Er heiße Jonas, sagte er, komme aus Leipzig und wolle sich nur bedanken. Ruth, die selten Besuch auf der Brücke bekam, ließ ihn herein.
Es dauerte keine zehn Minuten, bis er ihr alles erzählt hatte. Er fahre zu seinem Vater, den er seit zweiundzwanzig Jahren nicht gesehen habe. Seine Mutter habe nie viel über ihn gesprochen, nur, dass er von der Insel stamme, dort irgendwo am Hafen arbeite und eines Tages einfach nicht mehr nach Leipzig gekommen sei. Vor drei Wochen habe Jonas ihn über eine Seite für gefunden und ihm geschrieben. Die Antwort sei kurz gewesen: Er dürfe gern kommen, morgen um zehn, im Café am Hafen. Ein Zimmer in einer Pension habe er schon. „Und jetzt habe ich Angst, dass er gar nicht auftaucht“, sagte Jonas. „Oder, schlimmer noch, dass er auftaucht.“
Ruth lachte, aber nicht unfreundlich. „Und der Kuchen ist für ihn?“ Jonas nickte Ein Zwetschgenkuchen nach dem Rezept seiner Mutter, angeblich habe der Vater ihn früher geliebt. „Na ja“, sagte er, „jetzt bin ich ja auf dem Wasser. Umkehren geht sowieso nicht mehr, oder?“ – „Heute nicht“, sagte Ruth. „Das ist das Schöne an Schiffen. Man kann es sich unterwegs anders überlegen, aber man kommt trotzdem an.“
Auf halber Strecke, wo man nachts nur noch die roten und grünen Lichter der Fahrwassertonnen sieht, fragte sie nach dem Namen des Vaters. „Uwe Jessen“, sagte Jonas. Ruth hielt das Steuer fest und schaute eine Weile stur geradeaus. Uwe Jessen. Seit elf Jahren fing Uwe jeden Abend in Vitte die ihrer Fähre, ein stiller, kräftiger Mann mit grauem Bart, der nie über sich sprach. Nur einmal, nach einem Feierabendbier, hatte er erzählt, er habe einen Sohn in Sachsen, aber das sei eine lange Geschichte, und er sei nicht der Held darin.
Ruth sagte nichts. Es war nicht ihre Geschichte. Sie überlegte kurz, ob sie im Hafen per Funk Bescheid geben sollte, und ließ es dann bleiben. Stattdessen schlug sie Jonas vor, beim Anlegen draußen auf dem Vorschiff zu stehen. „Von dort haben Sie die beste Aussicht auf Vitte“, behauptete sie, obwohl es um diese Uhrzeit nichts zu sehen gab außer einem Schuppen, ein paar Laternen und einem Mann in gelber Regenjacke, der auf die wartete.
Vom aus sah sie, wie der Matrose das Tau hinüberwarf und wie Uwe es auffing, so wie er es schon tausendmal getan hatte. Dann sah sie, wie er den Kopf hob, den jungen Mann mit der Kuchenschachtel anschaute und mitten in der Bewegung Das Tau hing locker zwischen Schiff und Steg. Einen langen Moment rührte sich keiner der beiden.
Ruth stellte den Motor ab, obwohl die Fähre noch gar nicht war. Der Matrose drehte sich fragend zu ihr um. „Lass sie“, sagte sie über Funk. „Wir haben Zeit. Heute fährt ohnehin keiner mehr zurück.“
Comprehension check
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1. What was Jonas carrying when he ran onto the ferry?
2. Why was Jonas travelling to Hiddensee?
3. How did Ruth know Uwe Jessen?
4. What does Ruth do at the end?