Short story
Die Steillage
A burnt-out Frankfurt management consultant spends two weeks picking grapes on the Moselle and can't resist calculating whether the old winemaker's steep vineyard makes sense.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- die Steillage · steep vineyard site
- die (Wein)lese · grape harvest
- die Auszeit · break, time out
- Kost und Logis · board and lodging
- bewirtschaften · to farm, to run (land, a business)
- die Kiepe · basket carried on the back
- der Ertrag · yield
- die Rebe · vine
- abstoßen · to get rid of, to sell off
- die Patenschaft · sponsorship
- der Rebstock · vine (plant)
- sich verpflichten · to commit oneself
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Leonie Hartwig hatte in ihrem Leben unzählige Excel-Tabellen gebaut, aber noch nie eine Traube abgeschnitten. Als ihre Ärztin ihr im Sommer nach einem Zusammenbruch im Büro dringend zu einer riet, suchte sie deshalb etwas, das so weit wie möglich von ihrer Unternehmensberatung in Frankfurt entfernt war: zwei Wochen an der Mosel, als Erntehelferin auf einem kleinen Weingut in Traben-Trarbach. Kost und frei, Bezahlung bescheiden, Arbeitsbeginn sieben Uhr.
Der Winzer hieß Alfons Kerpen, war neunundsiebzig und zwei Hektar in einer der steilsten Lagen des Tals, einem Hang, an dem man sich, wie er sagte, mehr festhalten als stehen müsse. Maschinen kamen dort nicht hin. Jede Traube wurde von Hand geschnitten und von Menschen mit auf dem Rücken den Hang hinuntergetragen. Leonies Mitstreiter waren eine pensionierte Grundschullehrerin, zwei Brüder aus dem Nachbardorf, beide über siebzig, und ein schweigsamer Philosophiestudent aus Trier, der behauptete, die sei die einzige ehrliche Arbeit, die er kenne.
Nach drei Tagen tat Leonie alles weh, und nach vier Tagen konnte sie nicht mehr anders: Sie begann zu rechnen. Abends saß sie mit dem Laptop in der Gaststube und trug Arbeitsstunden, Löhne, und Flaschenpreise in eine Tabelle ein. Das Ergebnis war eindeutig. Der Betrieb verlor mit jedem Liter Geld. Würde Kerpen die aufgeben und seinen Wein nur noch in den flachen Lagen am Fluss anbauen, hätte er weniger Arbeit, geringere Kosten und vermutlich sogar einen kleinen Gewinn.
Am nächsten Abend legte sie ihm die Tabelle hin. Kerpen setzte die Lesebrille auf, studierte die Zahlen gründlich und nickte. „Stimmt“, sagte er. „Ziemlich genau sogar. Das weiß ich seit ungefähr dreißig Jahren.“ Leonie wartete auf eine Erklärung. Stattdessen schenkte er ihr ein Glas Riesling ein, von genau dem Hang, über den sie gerade sprachen, und fragte, ob sie am nächsten Morgen früh genug wach sei, um ihm etwas zu zeigen.
Um halb sieben stiegen sie gemeinsam den Hang hinauf, bis ganz nach oben, wo die Weinberge aufhören und der Wald beginnt. Von dort sah man das ganze Tal im Nebel liegen. Kerpen zeigte auf die gegenüberliegende Seite. Wo vor dreißig Jahren noch gestanden hatten, wuchsen heute Birken und Brombeeren. „Wenn hier keiner mehr schneidet“, sagte er, „holt sich der Wald den Berg in zehn Jahren zurück. Dann sieht es hier aus wie da drüben. Dann kommen keine Touristen mehr, dann schließen die Gasthäuser, und dann ziehen die Jungen weg. Das steht in keiner Tabelle. Aber es ist trotzdem eine Rechnung.“
Leonie schwieg. Sie hatte in ihrem Beruf Dutzende Firmen beraten, die Verluste machten, und ihnen fast immer empfohlen, alles Unrentable Es war ihr nie in den Sinn gekommen, dass manches nur deshalb existierte, weil jemand bereit war, es sich etwas kosten zu lassen. Am letzten Tag der als der letzte Eimer im Hof stand und die Lehrerin einen Zwiebelkuchen gebacken hatte, fragte sie Kerpen, wer den Hang übernehmen werde, wenn er einmal nicht mehr könne. Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht keiner. Vielleicht der Wald.“
Im Frühjahr darauf bekam Kerpen einen Brief aus Frankfurt. Darin lag eine Liste mit zweiundvierzig Namen: Kolleginnen und Kollegen von Leonie, Steuerberater, Anwältinnen, sogar ein Vorstandsmitglied einer Bank. Jeder von ihnen hatte für ein Jahr die für zehn übernommen, zahlte dafür einen Jahresbeitrag, und zusammen deckten die Beiträge die Verluste. Außerdem hatte sich jeder im Herbst zwei Tage bei der zu helfen. Unter der Liste stand ein einziger Satz in Leonies Handschrift: „Diesmal habe ich es ohne Tabelle versucht.“
Comprehension check
0/4 answered
1. Why did Leonie go to the Moselle?
2. What did Leonie's spreadsheet show?
3. What did Kerpen show Leonie from the top of the slope?
4. What was in Leonie's letter the following spring?