Short story
Der Esel hat Dienst
After wolves kill eleven of his sheep in Upper Lusatia, a stubborn old shepherd wants nothing to do with the official wolf adviser or her suggestions.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- verschränken · to fold (one's arms)
- verwittert · weathered
- widersprechen · to contradict
- sich vervielfachen · to multiply
- die Entschädigung · compensation
- nachweisen · to prove
- der Herdenschutzhund · livestock guardian dog
- vorschreiben · to dictate, to tell someone what to do
- die Leihgabe · loan (something lent)
- zuverlässig · reliable
- abziehen · to withdraw, to retreat
- überflüssig · superfluous, unnecessary
Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.
Als Katrin Paschke an einem nebligen Morgen im März auf den Hof von Gustav Noack fuhr, lagen die toten Schafe noch auf der Weide. Elf Stück, ordentlich in einer Reihe, damit die Frau vom Wolfsbüro sie zählen konnte. Noack stand daneben, die Arme ein Mann von Mitte sechzig mit einem Gesicht wie ein Zaunpfahl. „Ihre Wölfe“, sagte er zur Begrüßung. Katrin war seit vier Jahren Wolfsberaterin in der Oberlausitz. Sie kannte diesen Satz. Sie hatte längst aufgehört, ihm zu
Seit die Wölfe um die Jahrtausendwende aus Polen in die Lausitz zurückgekehrt waren, hatte sich ihre Zahl und mit ihr der Streit. Für die einen waren sie ein Erfolg des Naturschutzes, für die anderen eine Bedrohung, die Politiker aus der Großstadt den Leuten auf dem Land aufgezwungen hätten. Katrin stand dazwischen, und das hieß meistens, dass sie von beiden Seiten angeschrien wurde. Sie nahm Proben, füllte Formulare aus und erklärte Noack, dass er Anspruch auf eine habe, sofern er könne, dass seine Herde ausreichend geschützt gewesen sei.
„Ausreichend geschützt“, wiederholte Noack, als hätte sie ihn beleidigt. Sein Zaun war neunzig Zentimeter hoch und stammte aus einer Zeit, in der man sich nur vor Füchsen und Spaziergängern hatte schützen müssen. Katrin schlug ihm einen Elektrozaun vor, der zum größten Teil vom Land bezahlt würde, und, wenn er wolle, einen Noack wollte nicht. Ein Hund koste Geld, belle die ganze Nacht und fresse mehr als er selbst. Und der Zaun sei doch nur ein weiterer Versuch, ihm wie er einen Beruf auszuüben habe, den er seit fünfundvierzig Jahren ausübe.
Katrin kam trotzdem wieder, jede Woche, manchmal mit Formularen, manchmal nur mit einem Kuchen von ihrer Mutter. Beim vierten Besuch hatte sie einen Anhänger dabei. Darin stand ein grauer Esel mit gewaltigen Ohren und dem Gesichtsausdruck eines Beamten kurz vor der Pension. „Das ist Rudi“, sagte sie. „Eine Esel können Hunde und Wölfe nicht leiden. Sie schreien, sie treten, und sie laufen nicht weg. Und er frisst Gras. Davon haben Sie ja genug.“ Noack lachte zum ersten Mal, laut und ungläubig. Aber er ließ den Esel auf die Weide.
Den ganzen Sommer über gab es keinen Angriff, was Noack auf das Wetter zurückführte. Rudi stand meistens reglos am Zaun, betrachtete die Landschaft und ignorierte die Schafe, die ihn ihrerseits ignorierten. Im Dorf machte man Witze über den Schäfer mit dem Wachesel. Noack verteidigte das Tier, zu seiner eigenen Überraschung, mit einer gewissen Schärfe. Ein Esel, sagte er in der Kneipe, sei immerhin als die Regierung.
An einem Morgen im November klingelte um kurz nach fünf Katrins Handy. „Noack hier“, sagte eine Stimme, die sie kaum wiedererkannte, so aufgeregt klang sie. In der Nacht habe er ein Geschrei gehört, wie er es noch nie gehört habe, sei mit der Taschenlampe hinausgelaufen und habe zwei Wölfe am Rand der Weide gesehen. Mitten vor der Herde habe Rudi gestanden, die Ohren nach hinten gelegt, und gebrüllt wie ein Feuerwehrauto. Die Wölfe seien Kein einziges Schaf fehle.
Katrin wollte etwas sagen, aber Noack war noch nicht fertig. Er räusperte sich. „Ich wollte fragen“, sagte er, „ob Sie vielleicht noch einen zweiten haben. Für die Weide am Wald. Und das mit dem Zaun, das können wir ja auch mal besprechen.“ Eine Pause. „Ihr Esel hat heute Nacht Dienst gehabt. Das muss man schon anerkennen.“
Rudi lebt bis heute auf dem Hof, zusammen mit einer Eselin namens Gerda und hinter einem Elektrozaun, den Noack bei jeder Gelegenheit als bezeichnet. An die Wölfe hat er sich nicht gewöhnt, und er wird nicht müde zu erklären, was er von ihnen hält. Aber wenn Katrin heute auf den Hof fährt, steht schon Kaffee auf dem Tisch. „Ihre Wölfe“, sagt Noack immer noch. Aber von Rudi spricht er nur noch als „unser Esel“.
Comprehension check
0/4 answered
1. Under what condition could Noack get compensation for his sheep?
2. Why did Noack not want a guard dog?
3. What did Katrin bring on her fourth visit?
4. What did Noack ask Katrin on the phone in November?