Deep End
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Short story

Die Organistin von St. Jakobi

A young church organist in Lübeck, bored by endless weddings, starts hiding cheeky folk-song melodies in her music, until an elderly woman in the back row begins to name every one of them.

Tap a dotted word for its meaning.

Words to know (12)
  • die Auszeichnung · distinction (in an exam)
  • schmuggeln · to smuggle
  • auswandern · to emigrate
  • der Bräutigam · bridegroom
  • die Trauung · wedding ceremony
  • das Notenpult · music stand
  • plump · crude, clumsy
  • andeuten · to hint at
  • der Krebs / Krebsgang · retrograde (a melody played backwards)
  • der Küster · verger, sexton
  • verstimmt · out of tune
  • die Orgelempore · organ gallery

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Merle Johannsen war neunundzwanzig, hatte in Hamburg Kirchenmusik mit studiert und spielte seit zwei Jahren die Orgel in St. Jakobi in Lübeck. Bach spielte sie für sich, nachts, wenn die Kirche leer war. Tagsüber spielte sie vor allem Hochzeiten, im Sommer manchmal drei an einem Samstag, und dabei immer wieder dasselbe: Mendelssohns Hochzeitsmarsch, ein bisschen Händel, und zwischendurch, während die Gäste ihre Plätze suchten, eine ruhige Improvisation, die niemandem auffiel. Genau das war das Problem.

Irgendwann im Mai fing sie an, sich zu amüsieren. In ihre Improvisationen sie Melodien, die nicht in die Kirche gehörten, so geschickt verarbeitet, dass nur ein sehr aufmerksames Ohr sie erkennen konnte. Bei einem Paar, das nach der Hochzeit nach Kanada wollte, ließ sie „Muss i denn zum Städtele hinaus“ durch die Mittelstimmen wandern. Bei einem der eine Handbreit kleiner war als die Braut, versteckte sie „Ein Männlein steht im Walde“ im Bass. Niemand merkte etwas. Merle fand das beruhigend und ein wenig traurig zugleich.

Bis zum ersten Samstag im Juli. Nach der lag auf dem der Orgel ein Zettel, in einer zittrigen, aber sehr ordentlichen Handschrift: „Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald. Bei einer Braut im achten Monat? Etwas junge Frau. Aber gut gesetzt.“ Merle wurde rot bis zu den Ohren. Sie hatte das Kinderlied tatsächlich nur vier Töne, versteckt in einer Kadenz.

Von da an lag nach jeder Hochzeit ein Zettel auf dem Pult. Die anonyme Hörerin erkannte alles, kommentierte alles und vergab, wie es schien, Noten. Merle begann, sich mehr Mühe zu geben als je zuvor im Studium. Sie versteckte Melodien in der Umkehrung, im in halbem Tempo. Die Zettel blieben trotzdem nicht aus. wie originell“, hieß es einmal. „Die Melodie war trotzdem zu hören. Mehr Mut zur Dissonanz!“

Es war der der ihr schließlich verriet, wer hinter den Zetteln steckte. Frau Hedwig Brömse, siebenundachtzig, saß bei jeder Hochzeit in der letzten Reihe, ohne zu einer der Familien zu gehören. „Die kommt seit Jahrzehnten“, sagte der „Sie war hier Organistin, von neunzehnhundertsechzig bis zur Rente. Der Pastor damals hat sich ständig beschwert, dass bei ihren Hochzeiten irgendwas nicht stimmt. Er konnte nur nie sagen, was.“

Merle besuchte Frau Brömse in ihrer Wohnung hinter dem Koberg, zwischen Bücherstapeln und einem Klavier. Die alte Dame leugnete nichts, sondern bot ihr Tee und Kekse an und erzählte. Vierzig Jahre lang habe sie fast jede Lübecker Hochzeit „kommentiert“, wie sie es nannte. Ihr Lieblingsstück sei ein Schlager gewesen, den sie 1974 bei der Hochzeit des Bürgermeistersohns in die Choralbegleitung eingebaut habe, und zwar ausgerechnet „Ein bisschen Spaß muss sein“. „Und wissen Sie, was das Schönste war?“, fragte sie. „Die Braut hat es erkannt. Sie hat sich nach der bei mir bedankt.“

Bevor Merle ging, bat Frau Brömse sie um einen Gefallen. Im September feiere sie mit ihrem Mann den sechzigsten Hochzeitstag, mit einem kleinen Segen in St. Jakobi. Ob Merle da spielen würde. „Natürlich“, sagte Merle. „Was wünschen Sie sich?“ Die alte Dame lächelte. „Überraschen Sie mich.“

Am Tag der Feier saß Frau Brömse zum ersten Mal seit Jahrzehnten nicht in der letzten Reihe, sondern ganz vorne. Merle spielte Bach, ernst und streng, und mitten im Präludium, kaum hörbar, in den Füßen, im tiefsten Register: „Hoch soll sie leben“. Nach dem Segen lag kein Zettel auf dem Pult. Stattdessen drehte sich Frau Brömse in der ersten Reihe um, sah zur hinauf und hob langsam den Daumen.

Comprehension check

0/4 answered

1. What does Merle start doing in May?

2. What is on the first note left on the music stand?

3. Who is Frau Brömse?

4. How does Frau Brömse react to Merle's music at her anniversary?