Deep End
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Short story

Rheinabwärts

In her diary, a young woman from Basel records her first trip as a deckhand on a Rhine cargo ship, and the silent captain who keeps asking her to read things aloud.

Tap a dotted word for its meaning.

Words to know (12)
  • die Anweisung · instruction
  • die Leine · rope, mooring line
  • festmachen · to make fast, to moor
  • das Steuerhaus · wheelhouse
  • die Boje · buoy
  • der Pegel · water level gauge
  • löschen · to unload (a ship's cargo)
  • der Tiefgang · draught (how deep a ship sits in the water)
  • die Kombüse · galley (ship's kitchen)
  • die Silbe · syllable
  • die Fahrrinne · navigable channel
  • zerlesen · worn out from reading

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Basel, Hafen Kleinhüningen, 2. August. Erster Tag an Bord der „Wilhelmina“, 110 Meter lang, beladen mit Containern, Ziel Rotterdam. Mein Chef heißt Hinnerk Janssen, ist 63, stammt aus Duisburg und hat bisher genau elf Sätze zu mir gesagt. Ich habe mitgezählt. Neun davon waren einer war „Moin“, und der elfte lautete: „Wer seekrank wird, kann gleich wieder gehen.“ Auf dem Rhein wird man nicht seekrank. Ich glaube, das war ein Witz. Ganz sicher bin ich nicht.

Mannheim, 4. August. Ich habe gelernt, ohne mir dabei die Finger zu brechen, und dass man den Kapitän nicht Hinnerk nennt, sondern am besten gar nicht. Er steht stundenlang im und schaut auf den Fluss, als würde der ihm etwas erzählen. Eines ist mir aufgefallen: Jeden Morgen bittet er mich, ihm die Nachrichten für die Schifffahrt vorzulesen, die auf dem Bildschirm erscheinen. „Meine Augen“, sagt er. Dabei erkennt er eine auf zwei Kilometer.

Bingen, 6. August. Niedrigwasser. Der in Kaub liegt bei 78 Zentimetern, und das ist, wie ich inzwischen weiß, eine Katastrophe. Wir mussten in Mainz einen Teil der Ladung damit wir weniger haben. Hinnerk hat den ganzen Abend geschwiegen und Zahlen auf einen Zettel geschrieben, nur Zahlen, keine Wörter. Als ich ihm später einen Brief der Versicherung vorlesen wollte, sagte er, ich solle ihn einfach kurz zusammenfassen. Wieder die Augen.

Unterhalb der Loreley, 7. August, nachts. Jetzt weiß ich es. Wir liegen vor Anker, weil man bei diesem Wasserstand nachts nicht durch die Felsenstrecke fährt, und ich habe in der ein Kinderbuch gefunden, ganz mit Bleistiftstrichen zwischen jeder Hinnerk kam herein und sah, was ich in der Hand hielt. Er setzte sich und sagte lange nichts. Dann erzählte er: Er sei auf einem Schiff aufgewachsen, sein Vater sei Schiffer gewesen, und er sei in neun Jahren auf elf verschiedenen Schulen gewesen, jeweils nur ein paar Wochen. Richtig lesen habe er nie gelernt. Seine Frau habe ihm vierzig Jahre lang alles vorgelesen. Im Februar sei sie gestorben.

Koblenz, 8. August. Er hat mich gefragt, ob ich es jemandem erzählen werde. Ich habe Nein gesagt. Dann hat er gefragt, ob ich ihm helfen würde. Wir haben heute Abend angefangen, mit dem Kinderbuch, das seiner Frau gehört hatte. Er liest langsam und wird wütend auf sich selbst. Er sagt, das sei schlimmer als Niedrigwasser bei Kaub. Ich habe gesagt, auch bei Kaub komme man durch, wenn man wisse, wo die sei. Er hat mich angesehen, als hätte ich etwas sehr Dummes gesagt, und dann hat er gelacht.

Köln, 10. August. Jeden Abend eine Stunde. Wir lesen jetzt keine Kinderbücher mehr, sondern die Schifffahrtsnachrichten, weil er sagt, die müsse er sowieso verstehen. Sperrung, Fahrrinnentiefe: Die Wörter kennt er alle, er hat sie nur nie geschrieben gesehen. Inzwischen redet er ganze Abende mit mir. Ich weiß jetzt, dass er Fußball hasst, Möhren liebt und seit 1979 jedes Jahr dieselbe Strecke fährt.

Duisburg-Ruhrort, 12. August. Kurzer Halt bei seiner Tochter, die am Hafen wohnt. Sie hat mich zur Seite genommen und gefragt, was ich mit ihrem Vater gemacht hätte, er rede so viel. Ich habe gesagt, das müsse sie ihn schon selbst fragen.

Rotterdam, 14. August. Angekommen. Morgen gehe ich von Bord, zurück nach Basel, mein Vertrag ist zu Ende. Heute früh lagen auf meinem Platz keine Schifffahrtsnachrichten, sondern ein Zettel. Darauf stand in großen, schiefen Buchstaben, mit Bleistift, für „Gu-te Fahrt, Ju-le. Kommst du wie-der?“ Darunter, kleiner: „Ganz al-lein ge-schrie-ben. H. J.“ Ich habe den Zettel in dieses Tagebuch geklebt. Und ja, ich komme wieder.

Comprehension check

0/4 answered

1. Why did Jule find Hinnerk's excuse about his eyes strange?

2. Why did they unload part of the cargo in Mainz?

3. Why had Hinnerk never learned to read properly?

4. What was on the note Jule found in Rotterdam?