Short story
Der grantige Fiaker
Vienna's grumpiest horse-carriage driver becomes an internet star after a German influencer films one of his tours, and he hates every minute of it.
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Words to know (12)
- der Fiaker · Viennese horse-drawn cab (or its driver)
- grantig · grumpy (Austrian, southern German)
- der Grant · grumpiness, bad mood
- der Kutscher · coachman, carriage driver
- die Stute · mare
- Däumchen drehen · to twiddle one's thumbs
- der Trotz · defiance
- vernichtend · devastating, crushing
- weichgespült · gone soft (lit. fabric-softened)
- mustern · to look someone over
- das Beisl · small traditional pub (Austrian)
- gemächlich · leisurely, unhurried
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Ferdinand Brandstätter fuhr seit einunddreißig Jahren in Wien, und in all diesen Jahren hatte er sich einen Ruf erarbeitet, auf den er auf seine Weise stolz war: Er galt als der unfreundlichste am Stephansplatz. Touristen, die nach Mozarts Wohnhaus fragten, erklärte er, sie seien gerade daran vorbeigegangen, „wie alle“. Selfie-Stöcke, Funktionsjacken und laut gestellte Fragen nach dem Preis kommentierte er mit einem Seufzer, der ganze Absätze ersetzte. Seine Burgi, eine Haflingerin mit stoischem Blick, war die Einzige, mit der er wirklich sprach.
An einem heißen Julinachmittag stieg eine junge Frau mit Ringlicht und Handystativ in seine Kutsche. Sie hieß Lea, kam aus Düsseldorf und hatte, wie sie ihm mitteilte, „knapp vierhunderttausend Follower, eher im Bereich Reisen und Lifestyle“. Ob er etwas dagegen habe, wenn sie ein bisschen filme? Ferdinand hatte durchaus etwas dagegen, sagte aber nur: „Filmen S' halt. Das Pferd ist eh fotogener als ich.“
Die Fahrt dauerte vierzig Minuten. Lea fragte, ob die Hofburg eigentlich noch bewohnt sei. „Nur von Beamten“, sagte Ferdinand, „und die merkt man nicht.“ Sie fragte, warum die Wiener angeblich so seien. „Wir sind nicht antwortete er, „wir haben nur keine Lust, so zu tun, als ob wir uns freuen.“ Als sie ihn bat, für ihre Follower einmal zu lächeln, sah er sie an, als hätte sie ihn gebeten, eigenhändig die Glocken des Doms zu läuten.
Drei Tage später kannte halb Deutschland sein Gesicht. Das Video mit dem Titel „Der ehrlichste Mann Wiens“ war über acht Millionen Mal angeklickt worden. Am Stephansplatz bildeten sich Schlangen vor seiner Kutsche, während die Kollegen nebenan drehten. Die Leute wollten gar nicht Wien sehen. Sie wollten beleidigt werden, möglichst vor laufender Kamera. Eine Familie aus Stuttgart bat ihn ausdrücklich, „noch mal das mit den Beamten“ zu sagen.
Ferdinand verdiente in diesen Wochen mehr als im ganzen Jahr zuvor, und er war unglücklicher als je zuvor. Ein auf Bestellung, fand er, sei kein mehr, sondern Theater, und zwar schlechtes. Also begann er, aus reinem freundlich zu sein. Er erklärte geduldig den Unterschied zwischen Gotik und Barock, lobte Funktionsjacken und ließ Kinder Burgi streicheln. Die Kommentare im Netz waren Der Mann sei „nicht mehr echt“, ein „Fake“.
Ende September stand Lea wieder vor seiner Kutsche, diesmal ohne Ringlicht. Sie habe gelesen, was passiert sei, sagte sie, und es tue ihr leid. Sie habe nicht gedacht, dass ein einziges Video so etwas anrichten könne. Ferdinand sie eine Weile. Dann deutete er mit dem Kinn auf den Sitz. „Steigen S' ein. Aber das Handy bleibt in der Tasche.“
Diesmal fuhr er nicht die übliche Runde. Er zeigte ihr den Hinterhof, in dem schon sein Großvater die Pferde gewechselt hatte, das kleine in dem er seine Frau kennengelernt hatte, und eine Bank am Donaukanal, auf der er jeden Abend sein Wurstbrot aß, während Burgi aus einem Eimer trank. Er redete mehr als in den einunddreißig Jahren zuvor zusammengenommen, oder so kam es ihm jedenfalls vor.
Zum Schluss fragte Lea, was denn nun stimme: Sei er ein Mensch oder nicht? Ferdinand dachte lange nach, während Burgi über das Pflaster klapperte. „Wissen S'“, sagte er schließlich, „der Wiener ist eigentlich nur Schüchternheit mit besserer Haltung.“ Lea lachte. Sie schrieb den Satz nicht auf, und sie hat ihn nie gepostet. Aber im nächsten Sommer, so erzählt man sich am Stephansplatz, kam sie wieder, und sie stieg bei keinem anderen ein.
Comprehension check
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1. What reputation does Ferdinand have at the Stephansplatz?
2. What happens after Lea's video goes viral?
3. Why does Ferdinand start being friendly?
4. What does Ferdinand finally say Viennese grumpiness really is?