Short story
Die alte Bestzeit
A pharmacist from Chur who has never done any sport trains for four years to beat the cycling time her late father wrote in his notebook in 1989.
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Words to know (12)
- die Bestzeit · best time, personal record
- das Lawinenunglück · avalanche accident
- verbeult · dented
- der Ehrgeiz · ambition
- der Hungerast · sudden exhaustion when cycling (hitting the wall)
- einschärfen · to impress upon someone
- die Kehre · hairpin bend
- flicken · to mend, to patch
- innehalten · to pause
- die Wertung · official results, classification
- verzichten auf · to give up, to do without
- der Käselaib · wheel of cheese
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Im Notizbuch ihres Vaters stand die Zahl auf der letzten beschriebenen Seite, zweimal unterstrichen: 7:42. Darunter, in seiner eckigen Schrift: „Albula-Rundfahrt 1989. Nächstes Jahr unter sieben Stunden!“ Ein nächstes Jahr hatte es für Urs Caduff nicht gegeben. Er war im Winter darauf bei einem am Flüelapass ums Leben gekommen, als seine Tochter Nadine vier Jahre alt war. Das Notizbuch hatte sie erst als Erwachsene gefunden, in einer Kiste im Keller ihrer Mutter in Chur, zwischen alten Trikots und einer Trinkflasche.
Nadine war keine Sportlerin. Sie arbeitete als Apothekerin, fuhr mit dem Bus zur Arbeit und hatte, wie sie selbst sagte, die Kondition eines Sofakissens. Doch die Zahl ließ sie nicht los. Vier Jahre lang trainierte sie, zuerst heimlich, dann mit wachsendem Sie stand um fünf Uhr auf, quälte sich die Lenzerheide hinauf und lernte, was Übersetzung, Trittfrequenz und bedeuteten. Ihr Ziel war bescheiden und gewaltig zugleich: Sie wollte die Rundfahrt ein einziges Mal in weniger als 7:42 Stunden schaffen. Nicht für sich, sagte sie, sondern für ihn.
Am Tag des Rennens war der Himmel über dem Engadin wolkenlos. Nadine fuhr vorsichtig los, wie ihr Trainer es ihr hatte, und lag nach zwei Pässen gut in der Zeit. Am Albulapass, auf den letzten unterhalb der Passhöhe, sah sie einen älteren Mann am Straßenrand sitzen, neben sich ein Rennrad mit gerissener Kette. Hunderte Fahrer zogen an ihm vorbei. Nadine bremste, obwohl sie wusste, dass jede Minute zählte.
Der Mann hieß Gian Lutz, war fast siebzig und hatte kein Werkzeug dabei. Nadine schon. Während sie mit schwarzen Fingern die Kette fragte er, woher sie komme. Als sie ihren Nachnamen nannte, er „Caduff? Doch nicht etwa die Tochter von Urs?“ Er sei damals mit ihrem Vater zusammen gefahren, erzählte er, 1989, genau diese Strecke. Sie seien Freunde gewesen, seit der Lehre.
Nadine erzählte ihm von dem Notizbuch und von der Zahl, der sie seit vier Jahren hinterherfuhr. Gian sah sie lange an, dann lachte er leise und schüttelte den Kopf. „7:42? Das hat er aufgeschrieben?“ Ihr Vater, sagte er, sei in jenem Jahr gar nicht regulär ins Ziel gekommen. Am Julierpass sei ein junger Fahrer gestürzt, und Urs sei bei ihm geblieben, bis der Krankenwagen kam, fast eine Stunde lang. Danach sei er gemütlich zu Ende gefahren, längst außerhalb der Die 7:42 seien wohl die Zeit, die er gehabt hätte, wenn er nicht angehalten hätte. „So hat er gerechnet, dein Vater. Immer ein bisschen großzügig mit sich selbst.“
Nadine wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, also tat sie beides. Vier Jahre lang hatte sie eine Zeit gejagt, die es nie gegeben hatte. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, ihren Vater zum ersten Mal wirklich kennenzulernen: einen Mann, der lieber neben einem Fremden im Staub saß, als eine zu fahren, und der hinterher trotzdem nicht ganz auf seine Zahl wollte.
Die Kette Gian und Nadine fuhren den Rest der Strecke gemeinsam, ohne Eile, und Gian erzählte bei jeder Abfahrt eine neue Geschichte über Urs: wie er einmal mit einem ganzen im Rucksack über den Bernina geradelt war, wie er auf jedem Pass gesungen hatte, falsch und laut. Im Ziel in Zuoz zeigte die Uhr 8:03. Einundzwanzig Minuten zu langsam.
Am Abend schlug Nadine das Notizbuch auf. Unter die zweimal unterstrichene Zahl schrieb sie in ihrer eigenen, runden Schrift: „Albula-Rundfahrt, zweiter Versuch der Familie Caduff. 8:03, mit Pause. Unter sieben Stunden: nächstes Jahr!“ Dann rief sie Gian an und fragte ihn, ob er nächstes Jahr wieder mitfahre. Diesmal, sagte sie, nehme sie zwei Ersatzketten mit.
Comprehension check
0/4 answered
1. What did Nadine find in her father's notebook?
2. Why does Nadine stop on the Albula pass?
3. What does Gian reveal about the 7:42?
4. How does the story end?