Short story
Die Kasse des Vertrauens
A report from a village in the Uckermark, where a self-service shop with no staff and no cameras has a strange problem: there is always too much money in the till.
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Words to know (12)
- das Kopfsteinpflaster · cobblestones
- ehrenamtlich · voluntary, honorary (unpaid)
- die Abrechnung · accounts, settlement
- einhellig · unanimous
- kursieren · to circulate, to go round
- bestreiten · to deny
- etwas auf sich beruhen lassen · to let something rest
- die Rate · instalment
- die Wende · the fall of the GDR (1989-90)
- klauen · to steal, to nick
- der Lutscher · lollipop
- genossenschaftlich · cooperative (run by a cooperative)
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Wer nach Wildenfelde will, einem Dorf mit 140 Einwohnern im Norden der Uckermark, muss sich auf lange Alleen und einen eher unzuverlässigen Handyempfang einstellen. Einen Bäcker gibt es hier seit 1998 nicht mehr, die nächste Bushaltestelle mit mehr als zwei Abfahrten am Tag liegt acht Kilometer entfernt. Seit vergangenem Frühjahr gibt es aber etwas, das die Wildenfelder stolz „unseren Laden“ nennen: eine umgebaute Holzhütte neben dem Feuerwehrhaus, ohne Kasse, ohne Kamera, ohne Personal.
Das Prinzip ist denkbar einfach. Die Kunden nehmen sich Milch, Eier, Nudeln oder Klopapier aus den Regalen, tragen die Waren in ein Heft ein und werfen das Geld in eine abgeschlossene Metallkasse. Wechselgeld liegt in einer Keksdose daneben. Die Idee stammt vom Bürgermeister Ralf Krüger, 58, im Hauptberuf Landwirt. Er habe am Anfang mit Verlusten gerechnet, sagt er, zehn bis fünfzehn Prozent. Man habe sich vorgenommen, das als Preis für die Gemeinschaft zu akzeptieren.
Es kam anders. Seit dem ersten Monat stimmt die nicht, allerdings in die falsche Richtung. In der Kasse liegt regelmäßig mehr Geld, als die Einträge im Heft ergeben. Mal sind es zwanzig Euro, mal fünfunddreißig, im Dezember waren es sogar neunzig. Krüger hat mehrmals nachgerechnet, seine Frau ebenfalls, schließlich sogar die Kassenprüferin des Sportvereins. Ein Rechenfehler, so das Ergebnis, sei ausgeschlossen.
Im Dorf seither die abenteuerlichsten Theorien. Die einen vermuten, der Pfarrer wolle mit gutem Beispiel vorangehen, was dieser entschieden Andere glauben an einen reichen Berliner mit Wochenendhaus, der sein schlechtes Gewissen beruhige. Die Grundschulkinder sind überzeugt, es handle sich um einen Geist. Krüger selbst wollte die Sache zunächst auf sich lassen. „Wer beschwert sich schon über zu viel Geld?“ Irgendwann aber, gibt er zu, sei die Neugier stärker gewesen.
Die Lösung fand sich, wie so oft, im Kleingedruckten. Zwischen den Geldscheinen lag eines Morgens ein sorgfältig gefalteter Zettel. Darauf stand in kleiner Handschrift: 14. Für Frau Behrendt. Bonbons, Kaugummi, Comichefte, 1986 bis 1989.“ Margot Behrendt, das wusste im Dorf jeder über fünfzig, hatte bis zur den Konsum geführt, den kleinen Dorfladen, der genau dort gestanden hatte, wo heute die Hütte steht. Sie ist vor sechs Jahren gestorben.
Es dauerte noch zwei Wochen, bis sich der anonyme Zahler bei unserer Zeitung meldete. Er möchte nicht namentlich genannt werden, lebt heute in Potsdam und arbeitet als Steuerberater, was er selbst „eine gewisse Ironie“ nennt. Als Junge habe er die Sommer bei seiner Großmutter in Wildenfelde verbracht und dabei, so erzählt er, „systematisch und mit großem Talent“ im Konsum Frau Behrendt habe es gewusst, da sei er sich heute sicher. Gesagt habe sie nie etwas. Sie habe ihm bloß jedes Mal, wenn er ging, noch einen in die Hand gedrückt.
Als er im Radio vom Laden ohne Verkäufer hörte, habe er nachgerechnet: rund dreihundert Mark der DDR, mit Zinsen und schlechtem Gewissen großzügig aufgerundet auf tausend Euro. Seitdem fahre er einmal im Monat hinaus und zahle eine „Ich hätte es ihr gern persönlich zurückgegeben“, sagt er. „Das geht nicht mehr. Aber der Laden steht an derselben Stelle, und das kommt dem ziemlich nahe.“
Bürgermeister Krüger hat das zusätzliche Geld inzwischen auf ein eigenes Konto eingezahlt. Sobald die Schuld abbezahlt sei, wolle man davon eine Bank vor der Hütte kaufen, mit einer kleinen Messingplakette. Was darauf stehen soll, ist noch umstritten. Die Kinder hätten „Für Frau Behrendt“ vorgeschlagen, sagt Krüger. Der Steuerberater aus Potsdam habe um etwas anderes gebeten: „Für alle, die es gewusst und nichts gesagt haben.“
Comprehension check
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1. How does the shop in Wildenfelde work?
2. What is strange about the shop's accounts?
3. Who was Margot Behrendt?
4. Why does the anonymous man put extra money in the box?