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Short story

Hundertachtzig Meter Taft

In the summer of 1979, a saleswoman in an East German department store sells a polite stranger far more fabric than any camping club could need, and has to decide whether to report him.

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Words to know (11)
  • der Taft · taffeta (a smooth, light fabric)
  • widerwillig · reluctantly
  • der Hamsterer · hoarder
  • abmessen · to measure out
  • der Ballen · bolt, roll (of fabric)
  • ächzen · to groan, creak
  • melden · to report (to the authorities)
  • die Hülle · envelope (of a balloon), cover
  • auffallen · to be noticed, strike someone
  • das Flickwerk · patchwork
  • die Webkante · selvedge (woven edge of fabric)

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Im Sommer 1979 arbeitete Gudrun Mehnert seit elf Jahren in der Stoffabteilung des Kaufhauses in Saalfeld, und sie glaubte, ihre Kundschaft in- und auswendig zu kennen. Es gab die Frauen, die für die Jugendweihe der Tochter nähten, die Männer, die Gardinen kauften, und die die alles nahmen, was gerade da war, weil in der DDR niemand wusste, wann es das nächste Mal etwas geben würde.

Der Mann, der an einem Dienstag im Juli an ihren Tisch trat, passte in keine dieser Gruppen. Er war höflich, etwa Mitte dreißig, und wollte Nicht drei Meter, nicht zehn, sondern alles, was sie dahatten. Als Gudrun ihn fragte, wofür er denn so viel Stoff brauche, erklärte er ohne zu zögern, sein Campingverein wolle Zelte nähen. Gudrun ab: hundertachtzig Meter, rot und blau gestreift. Er zahlte bar und trug die selbst hinaus zu einem Trabant, dessen Federn bedenklich

Zwei Wochen später verlangte eine Frau Regenschirmstoff, ebenfalls in großen Mengen, angeblich für einen Segelclub. Gudrun hätte es vergessen können, hätte nicht ihre Kollegin Renate die Augenbrauen hochgezogen. „Zelte und Segel“, flüsterte Renate. „Und beide wollen gleich alles, was wir dahaben. So viele Zelte und Segel braucht kein Verein in ganz Thüringen. Das solltest du Gudrun.“ Jeder wusste, was bedeutete, und bei wem.

Gudrun nichts. Sie hätte selbst nicht genau sagen können, warum. Vielleicht wegen ihres Bruders, der im August 1961 als Neunzehnjähriger in Berlin über eine Mauer geklettert war, die damals noch keine richtige Mauer gewesen war, und von dem sie seither nur Weihnachtskarten bekam. Vielleicht auch nur, weil der Mann so freundlich „Danke“ gesagt hatte, als bedanke er sich für etwas viel Größeres als für Stoff.

Am Morgen des 16. September hörte sie heimlich im Westradio, zwei Familien aus Thüringen seien in der Nacht mit einem selbst genähten Heißluftballon über die Grenze geflogen und bei Naila in Oberfranken gelandet, vier Erwachsene und vier Kinder. Die so der Sprecher, bestehe aus unzähligen zusammengenähten Stoffbahnen. Gudrun stellte das Radio aus und setzte sich auf den Küchenstuhl. Ihr Kaffee wurde kalt.

Die Männer von der Staatssicherheit kamen schon am Mittwoch. Sie fragten jede Verkäuferin im Bezirk, ob ihr in den letzten Monaten größere Stoffkäufe seien. Gudrun antwortete, sie verkaufe täglich Stoff an Dutzende Leute, sie könne sich unmöglich an jeden erinnern. Renate, die neben ihr stand, erklärte ebenfalls, sie wisse von nichts. Danach sprachen die beiden Frauen nie wieder über die Sache, auch nicht nach 1989, als man plötzlich über alles sprechen durfte.

Vierzig Jahre später, im Herbst 2019, fuhr Gudrun mit ihrer Enkelin nach Regensburg. Dort hängt der Ballon heute im Museum, zumindest ein großer Teil davon: ein riesiges aus Stoffen in allen möglichen Farben und Mustern. Die Enkelin las laut die Tafel vor. Gudrun hörte nicht zu. Sie suchte. Nach einer Viertelstunde fand sie, was sie suchte: rote und blaue Streifen, etwas schief vernäht, mit einer die sie damals mit ihrer großen Schere selbst geschnitten hatte.

„Oma, warum weinst du?“, fragte die Enkelin. „Ich weine nicht“, sagte Gudrun und putzte sich die Nase. „Hundertachtzig Meter. Und er hat bar bezahlt.“

Comprehension check

0/4 answered

1. What reason does the man give for buying so much taffeta?

2. Why does Renate find the purchases suspicious?

3. What does Gudrun tell the Stasi?

4. What is Gudrun looking for in the museum in Regensburg?