Deep End
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Short story

Die Zeugin im dritten Stock

An 84-year-old woman in Wiesbaden who watches her street all day sees her neighbour carry something heavy out of the house at night, and nobody believes her.

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Words to know (12)
  • der graue Star · cataract (eye condition)
  • überblicken · to have a view over, to survey
  • das Ehrenamt · voluntary post, unpaid service
  • wickeln · to wrap
  • die Streife · police patrol
  • der Sperrmüll · bulky waste (collection)
  • beleidigt · offended
  • entgegnen · to retort, to reply
  • erleichtert · relieved
  • jemandem etwas übelnehmen · to hold something against someone
  • feige · cowardly
  • jemandem etwas zutrauen · to believe someone capable of something

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Gertrud Hambach war vierundachtzig, hatte grauen auf dem linken Auge und eine Wohnung im dritten Stock eines Jugendstilhauses im Wiesbadener Rheingauviertel, von der aus man die halbe Straße konnte. Dass sie den größten Teil des Tages am Fenster verbrachte, betrachtete sie nicht als Neugier, sondern als eine Art Irgendjemand musste ja aufpassen.

Am Donnerstag vor Pfingsten, kurz nach dreiundzwanzig Uhr, beobachtete sie, wie zwei Männer aus dem Haus gegenüber einen langen, in einen Teppich Gegenstand trugen und mühsam in einen weißen Transporter hoben. Der Teppich schien schwer zu sein. Einer der Männer war Herr Lindner aus dem zweiten Stock, ein höflicher Versicherungsmakler, der immer grüßte. Den anderen hatte sie nie gesehen. Frau Lindner, das wusste Gertrud, war seit Montag auf Geschäftsreise in Hamburg. Jedenfalls hatte Herr Lindner das behauptet.

Gertrud rief die Polizei. Der junge Beamte am Telefon hörte geduldig zu, fragte zweimal nach ihrem Alter und versprach, eine vorbeizuschicken. Die kam am nächsten Vormittag. Herr Lindner öffnete im Bademantel, wirkte überrascht, aber keineswegs beunruhigt, und erklärte, er habe einen alten Teppich zum gebracht. Seine Frau sei in Hamburg, man könne sie gern anrufen. Die Beamten riefen nicht an. Beim Hinausgehen warf einer von ihnen einen langen Blick zu Gertruds Fenster hinauf, den sie sehr wohl verstand.

Gertrud war nicht jedenfalls nicht lange. Sie war nur sicher, dass etwas nicht stimmte. In den folgenden Tagen notierte sie alles in ein kleines Heft: dass Herr Lindner abends kein Licht mehr im Wohnzimmer machte, dass er zweimal mit großen Kartons das Haus verließ, dass der weiße Transporter am Sonntag wiederkam. Ihre Enkelin, die sie jeden Mittwoch besuchte, meinte, Oma schaue zu viele Krimis. Gertrud sie schaue überhaupt keine Krimis, sie habe ja ein Fenster.

Am Dienstag nach Pfingsten hielt ein Taxi vor dem Haus gegenüber. Eine Frau mit einem Rollkoffer stieg aus, schloss die Haustür auf und kam nach etwa zehn Minuten wieder heraus, ohne den Koffer, aber mit einem Blatt Papier in der Hand. Sie setzte sich auf die Stufen vor dem Eingang und rührte sich nicht mehr. Es war Frau Lindner. Sie lebte also. Gertrud war und, wie sie sich später eingestand, ein ganz kleines bisschen enttäuscht.

Dann sah sie genauer hin. Die Frau auf den Stufen weinte. Gertrud zog ihre Strickjacke an, nahm den Aufzug, was sie sonst nie tat, und überquerte die Straße. Frau Lindner hielt ihr wortlos den Zettel hin. Es war ein Brief ihres Mannes, kurz und sachlich. Er habe sich in eine andere verliebt, schon vor einem Jahr, und habe es ihr nicht ins Gesicht sagen können. Seine Möbel habe er mitgenommen, ebenso den Perserteppich aus dem Wohnzimmer. Den Rest lasse er ihr.

„Die ganze Woche“, sagte Frau Lindner, „hat er mir jeden Abend am Telefon erzählt, wie sehr er mich vermisst.“ Gertrud setzte sich neben sie auf die kalte Treppe, was ihr ihre Knie noch tagelang Sie erzählte ihr von dem Teppich, der Polizei und dem kleinen Heft. Frau Lindner hörte zu, und irgendwann musste sie trotz allem lachen. „Sie haben gedacht, er hätte mich umgebracht?“ – „Ehrlich gesagt, ja“, sagte Gertrud. „Dass er so ist, hätte ich ihm nicht

Seitdem besucht Frau Lindner, die inzwischen wieder ihren Mädchennamen Kessler trägt, die alte Dame jeden Donnerstagabend. Sie trinken Tee am Fenster im dritten Stock und schauen auf die Straße hinunter. Das Heft hat Gertrud behalten. Man könne nie wissen, sagt sie, wofür man es noch einmal brauche.

Comprehension check

0/4 answered

1. What did Gertrud see on the Thursday night?

2. What did Herr Lindner tell the police?

3. What was in the letter Frau Lindner found?

4. How does the story end?