Deep End
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Short story

Podium in Davos

During the World Economic Forum in Davos, a waiter from the Engadin is mistaken for a missing speaker and ends up on stage in a panel on the future of work.

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Words to know (12)
  • kellnern · to work as a waiter
  • bescheiden · modest
  • sich vergewissern · to make sure
  • der Lawinenabgang · avalanche
  • einspringen · to stand in, step in
  • das Missverständnis · misunderstanding
  • stockend · haltingly
  • mit Verlaub · with respect, if I may say so
  • jemandem etwas zugutehalten · to give someone credit for something
  • ratlos · at a loss, helpless
  • kapern · to hijack
  • die Abmahnung · formal (written) warning

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Reto Caflisch, vierunddreißig, aus Zernez im Engadin, seit neun Wintern in einem großen Hotel in Davos, und jedes Jahr im Januar, wenn das Weltwirtschaftsforum kam, verwandelte sich sein Arbeitsplatz in einen Ort, an dem Leute, die man sonst nur aus den Nachrichten kannte, ihren Kaffee kalt werden ließen. Reto mochte diese Woche nicht besonders. Die Trinkgelder waren die Schichten lang, und man wurde, wie er seiner Schwester einmal geschrieben hatte, so gründlich übersehen, dass man sich abends im Spiegel noch da zu sein.

An jenem Dienstag sollte er im kleinen Saal Wasser auf das Podium stellen. Auf dem Programm stand eine Diskussion mit dem Titel „Die Zukunft der Arbeit“, vier Stühle, drei Namensschilder und ein leerer Platz. Ein Staatssekretär, so hörte Reto die Moderatorin hektisch telefonieren, stecke wegen eines irgendwo zwischen Klosters und Davos fest. Als Reto in seinem dunklen Anzug die Karaffen abstellte, sah die Moderatorin ihn an, dann auf ihre Uhr, dann wieder ihn. „Sie sind doch aus dem Ministerium, nicht wahr?“, flüsterte sie. „Sie ein? Wunderbar. Setzen Sie sich, wir sind live.“

Reto hätte das aufklären können. Er hätte es sogar müssen, wie ihm später der Hoteldirektor in deutlichen Worten erklärte. Aber das Licht ging an, die Kamera lief, und die Moderatorin stellte ihm bereits die erste Frage: Was bedeute denn die Digitalisierung für die Beschäftigten im Dienstleistungssektor? Reto, der seit neun Jahren beruflich Fragen beantwortete, die man ihm nicht wirklich stellte, räusperte sich und sagte, er könne nur für einen Teil dieses Sektors sprechen, nämlich für den, der gerade die Gläser gefüllt habe.

Im Saal wurde es still. Dann redete Reto, zunächst dann immer freier. Er erzählte von Nachtschichten und von Kollegen aus Portugal, die zwölf Sprachen ein bisschen und keine richtig sprächen, weil sie für jeden Gast eine andere bräuchten. Er erzählte von dem Algorithmus, der neuerdings die Dienstpläne schreibe und offenbar nicht wisse, dass Menschen Kinder haben. Und er sagte, die Zukunft der Arbeit werde, mit nicht auf diesem Podium entschieden, sondern in den Küchen, in denen die Leute arbeiteten, die man nie auf solche Podien einlade.

Die anderen drei Teilnehmer, eine Unternehmensberaterin, ein Professor aus Sankt Gallen und der Chef eines Softwarekonzerns, schauten ihn an, als hätte sich eine Topfpflanze zu Wort gemeldet. Der Professor fing sich als Erster und meinte, das sei ein sehr wertvoller Beitrag aus der Praxis. Das Publikum dagegen klatschte so lange, dass die Moderatorin die nächste Frage zweimal stellen musste. Am Abend hatte ein Ausschnitt der Diskussion im Internet über eine Million Aufrufe.

Am nächsten Morgen wurde Reto ins Büro des Hoteldirektors gerufen. Dieser war, das muss man ihm nicht nur wütend, sondern auch Einerseits hatte sein Angestellter in Arbeitskleidung eine hochrangige Veranstaltung Andererseits riefen seit sechs Uhr Journalisten an, und drei Gäste hatten ausdrücklich verlangt, von „dem Kellner aus dem Video“ bedient zu werden. Man einigte sich schließlich auf eine und eine Gehaltserhöhung, was Reto für die typisch schweizerische Lösung hielt.

Im folgenden Jahr bekam Reto eine offizielle Einladung des Forums, diesmal mit seinem richtigen Namen auf dem Schild. Er bedankte sich höflich und sagte ab. In der Woche des Forums habe er Dienst, schrieb er, und irgendjemand müsse schließlich das Wasser auf das Podium stellen.

Comprehension check

0/4 answered

1. Why is one chair on the panel empty?

2. Why does the moderator think Reto is the missing speaker?

3. What does Reto say about the future of work?

4. How does Reto respond to the official invitation the next year?