Short story
Beileid, automatisch
A copywriter in Düsseldorf teaches an AI to write convincing condolence cards, until her own father dies and the cards start arriving.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- die Hinterbliebenen · the bereaved, surviving relatives
- ringen (um) · to struggle (over)
- ungeschickt · clumsy
- das Fazit · conclusion
- im Griff haben · to have under control
- unbeholfen · awkward
- stolpern · to stumble
- der Tippfehler · typo
- die Zurückhaltung · restraint
- krakelig · shaky, scrawled (handwriting)
- kariert · squared (paper)
- der Bordstein · kerb
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Die Firma hieß Trostwerk, saß im fünften Stock eines Glasbaus im Düsseldorfer Medienhafen und verkaufte etwas, das Lea Brandt auf Partys nur ungern erklärte: Beileidsschreiben, verfasst von einer künstlichen Intelligenz. Man gab den Namen der verstorbenen Person ein, das Verhältnis zu den und zwei, drei Erinnerungen, und nach elf Sekunden lag eine Karte vor einem, die klang, als hätte man eine Nacht lang um jedes Wort Das Produkt hieß „Mitgefühl Pro“. Lea, die früher Werbetexte für Hautcreme geschrieben hatte, war für den Ton zuständig.
Ihre wichtigste Entdeckung hatte sie im ersten Monat gemacht. Sie hatte das System mit Tausenden echter Kondolenzbriefe gefüttert, gespendet von Bestattern, Archiven und Menschen, die nicht wussten, wohin mit den Schuhkartons voller Post. Die Briefe, die die Empfänger als besonders tröstlich bezeichnet hatten, waren nicht die schönsten. Es waren die Sätze, die abbrachen. Wiederholungen. Ein falsches Komma, ein durchgestrichenes Wort. Wer zu glatt formulierte, so lautete Leas wirkte, als hätte er den Tod schon im und genau das verzieh man ihm nicht.
Also brachte sie der Maschine bei, zu sein. Das Modul hieß intern und es war ihr ganzer Stolz. Es streute in jede dritte Karte einen kleinen ließ ab und zu einen Satz unvollendet und fügte an statistisch optimaler Stelle ein „Ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll“ ein. Die Kundenzufriedenheit stieg um vierzig Prozent. Auf der Weihnachtsfeier hielt der Geschäftsführer Fabian Lorenz, ein Mann, der Krawatten für einen Ausdruck von Unsicherheit hielt, eine Rede auf sie. „Lea hat der Maschine das Zögern beigebracht“, sagte er. „Das ist mehr, als die meisten Menschen können.“ Alle klatschten.
Im Februar starb Leas Vater mit einundsiebzig an einem Herzinfarkt, beim Schneeschippen vor seinem Reihenhaus in Wuppertal. Sie fuhr hin, regelte, was zu regeln war, und saß abends in seiner Küche, in der noch die Zeitung vom Tag seines Todes lag, aufgeschlagen beim Kreuzworträtsel. Ein Wort für „Kummer“ mit sechs Buchstaben hatte er nicht gefunden. Oder er war nicht mehr dazu gekommen.
Die Karten kamen in den Tagen danach. Eine davon schickte Fabian Lorenz im Namen des ganzen Teams, und sie war wunderbar. Sie nannte Leas Vater beim Vornamen, sie fand die richtige Balance zwischen Wärme und und im dritten Satz stand: „Ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll.“ Im fünften stand „herzlcih“. Lea las die Karte zweimal. Dann legte sie sie mit der Schrift nach unten auf den Küchentisch, so vorsichtig, als könnte sie zerbrechen.
Die letzte Karte steckte am Samstag ohne Briefmarke im Briefkasten. Sie war von Herrn Yılmaz von gegenüber, einem Witwer, mit dem ihr Vater sich seit dreißig Jahren über den Gartenzaun hinweg über Fußball gestritten hatte. Die Schrift war das Papier offenbar aus einem Rechenheft gerissen. Es standen genau zwei Sätze darauf: „Ihr Vater hat jeden Dienstag meine Mülltonne an die Straße gestellt, weil ich das mit dem Rücken nicht mehr kann. Wer macht das jetzt.“ Kein Fragezeichen. Kein Gruß. Ein Fleck, der Kaffee sein konnte.
Lea saß lange mit diesem karierten Zettel in der Hand, und zum ersten Mal seit dem Anruf aus dem Krankenhaus weinte sie. Es war kein schöner Brief. Es war nicht einmal ein Beileidsschreiben im eigentlichen Sinn. Es war das Einzige, was in dieser Woche jemand nur für sie geschrieben hatte, ohne darüber nachzudenken, wie es wirken würde.
Am Montag rief sie in Düsseldorf an und nahm noch eine Woche Urlaub. Am Dienstagmorgen um halb sieben, es war noch dunkel und hatte wieder geschneit, ging sie über die Straße, zog die graue Tonne von Herrn Yılmaz durch den Schnee an den und stellte sie genau so hin, wie ihr Vater es immer getan hatte: den zur Straße, den Deckel zu. Gegenüber ging hinter einem Vorhang ein Licht an. Sie hob die Hand, und nach einem Moment hob sich dort auch eine.
Comprehension check
0/4 answered
1. What did Lea discover about the condolence letters people found most comforting?
2. What did the "Stolpern" module do?
3. Why does Lea put her boss's card face down so carefully?
4. What does Lea do on Tuesday morning?