Deep End
← Advanced stories

Short story

Das Jahr ohne Sommer

A village schoolmaster in Württemberg keeps a chronicle of 1816, the year the summer never came, and of the hunger that followed.

Tap a dotted word for its meaning.

Words to know (12)
  • ohne Unterlass · without a break, incessantly
  • berußt · blackened with soot
  • seit Menschengedenken · in living memory
  • der Fuhrmann · carter, wagon driver
  • geneigt sein · to be inclined (to do something)
  • die Kelter · wine press
  • die Gemahlin · consort, wife (formal)
  • die Rinde · bark (of a tree)
  • verlegen · embarrassed, awkward
  • der Stammtisch · regulars' table at an inn
  • der Mesner · sexton, church caretaker (southern German)
  • die Siedlung · settlement

Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.

Den 14. Juli 1816. Es regnet nun den neunten Tag ohne Die Hälfte meiner Schüler bleibt aus, weil sie auf den Feldern retten sollen, was nicht mehr zu retten ist; das Heu fault auf den Wiesen, und der Weizen steht schwarz und gebückt wie ein Trauerzug. Der Herr Pfarrer predigt, es sei eine Strafe Gottes für unsere Sünden. Der Apotheker hingegen behauptet, es liege an den Flecken auf der Sonne, die man durch ein Glas betrachten könne. Ich weiß nicht, wem von beiden ich weniger glauben soll. Fest steht nur: Im Remstal hat seit niemand im Juli den Ofen geheizt. Ich heize.

Den 3. August. Auf der Alb soll Schnee gefallen sein, erzählt der und ich bin es zu glauben. Die Trauben am Hang hängen hart und grün wie Erbsen. Mein Nachbar Jakob Häußler hat gestern seine Kuh verkauft, für einen Sack Mehl und das Versprechen eines zweiten. Seine Frau stand am Zaun und sah dem Tier nach, bis es hinter der verschwunden war. Sie hat dabei kein Wort gesagt. Man gewöhnt sich hier an das Schweigen, wie man sich an das Wetter gewöhnt.

Den 30. Oktober. Der alte König ist tot. Man spricht viel vom neuen, Wilhelm, und mehr noch von seiner Katharina, einer Großfürstin aus Russland, die angeblich Suppenküchen einrichten lässt. Bis zu uns ist bislang nur die Nachricht gekommen, nicht die Suppe. Das Brot kostet inzwischen das Dreifache vom vorigen Jahr. In der Schule frage ich die Kinder nicht mehr, was sie gefrühstückt haben. Ich habe gelernt, dass manche Fragen grausamer sind als jede Antwort.

Den 2. Februar 1817. Die Leute mischen Sägemehl und gemahlene ins Brot, und wer noch Kartoffeln hat, versteckt sie wie Gold. Häußlers verkaufen, was ihnen geblieben ist, und wollen über Holland nach Amerika. Heute kam der kleine Christian, ihr Ältester und mein bester Schüler, um sich zu verabschieden. Er stand in der Tür, die Mütze in den Händen, und sagte, er werde mir aus Amerika schreiben, sobald er das Schreiben auf Englisch gelernt habe. Ich habe ihm meinen Atlas geschenkt. Er braucht ihn nötiger als ich, denn ich werde dieses Tal wohl nie verlassen.

Den 6. Juli. In einer Zeitung aus Mannheim, die beim Ochsenwirt herumliegt, steht, ein Freiherr von Drais sei auf einer hölzernen Laufmaschine ohne Pferd durch die Stadt gefahren, schneller als die Postkutsche. Die Männer am lachten sich krank darüber. Ich lachte nicht. Wenn der Hafer so teuer ist, dass man kein Pferd mehr füttern kann, muss der Mensch eben selber laufen, und wenn er dabei auf Rädern sitzt, umso besser. Es scheint mir, als werde die Not bisweilen zur Mutter der Erfindung, die Vernunft aber nur selten zu ihrem Vater.

Den 1. August 1817. Heute ist der erste Erntewagen ins Dorf gefahren, mit Bändern und Blumen geschmückt wie zu einer Hochzeit. Die ganze Gemeinde lief ihm entgegen, der läutete die Glocken, und auf dem Kirchplatz wurde gesungen. Erwachsene Männer, die das ganze Jahr nicht geklagt hatten, weinten wie Kinder. Ich muss gestehen, dass ich nicht zu den Ausnahmen gehörte. Der Herr Pfarrer predigte am Sonntag von der Gnade Gottes; der Apotheker sprach von der Sonne. Diesmal war es mir gleich, wer recht hatte.

Den 28. September 1818. In Cannstatt hat der König ein großes Fest für die Landleute ausgerichtet, mit Pferderennen und Preisen für das schönste Vieh, damit wir uns erinnern, wovon wir leben. Am selben Tag brachte mir der Bote einen Brief aus Pennsylvania, in krummer, aber sauberer Schrift. Christian schreibt, sie hätten Land gefunden und eine Kuh gekauft, und er unterrichte die jüngeren Kinder der im Lesen, aus meinem Atlas, weil es kein anderes Buch gebe. Er wolle Schulmeister werden. Ich habe den Brief dreimal gelesen und dann in die Chronik gelegt, damit er nicht verloren geht.

Was Gottlieb Fritz, Schulmeister in Beutelsbach, nicht wissen konnte: Im April 1815 war auf der fernen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora ausgebrochen, und seine Asche hatte den Himmel über halb Europa verdunkelt. Das Fest in Cannstatt wird bis heute jedes Jahr gefeiert, inzwischen mit Achterbahnen und Bierzelten. Wer dort heute auf dem Wasen steht, denkt selten an den Sommer, der nie kam und ohne den es dieses Fest wohl nicht gäbe.

Comprehension check

0/4 answered

1. How do the pastor and the chemist explain the bad weather?

2. What does the schoolmaster give Christian before he leaves for America?

3. Why doesn't the schoolmaster laugh at the news about Drais's running machine?

4. What does Christian write in his letter from Pennsylvania?