Short story
Die Kritikerin
Munich's most feared restaurant critic secretly loses her sense of taste, and a young cook in Giesing is the first to notice.
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Words to know (12)
- gefürchtet · feared, dreaded
- die Haltung · bearing, attitude
- die Geschmacksstörung · disorder of the sense of taste
- die Partitur · (musical) score
- der Allgemeinplatz · platitude, commonplace
- das Fernweh · wanderlust, longing for faraway places
- verwechseln · to mix up, confuse
- ohne mit der Wimper zu zucken · without batting an eyelid
- mit sich ringen · to wrestle with oneself, struggle to decide
- prickeln · to tingle, fizz
- die Schärfe · spiciness, heat (of food)
- ohne Umschweife · without beating about the bush, frankly
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Renate Brandl galt als die Restaurantkritikerin Münchens, und sie tat nichts, um diesen Ruf zu mildern. Ein einziger Satz aus ihrer Feder konnte ein Lokal ruinieren. Über eine Sauce in einem Schwabinger Sternerestaurant hatte sie einmal geschrieben, sie besitze „die eines Beamten kurz vor der Pensionierung“; drei Monate später stand das Restaurant zum Verkauf. Köche erkannten sie an der Garderobe und wurden blass. Sie genoss das, ohne es je zuzugeben.
Im März bekam sie Fieber, nichts Besonderes, eine Woche im Bett. Als sie wieder aufstand, roch der Kaffee nach nichts. Die Orange, in die sie biss, war nass und kalt, sonst nichts. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt sprach von einer Riech- und nach einem Virusinfekt; das komme vor, der Geschmack könne zurückkehren, in Wochen, Monaten, oder eben nicht. Renate erzählte niemandem davon. Eine Kritikerin ohne Geschmack, das war wie ein Dirigent ohne Gehör, nein, schlimmer: Ein tauber Dirigent konnte wenigstens noch die lesen.
Also schrieb sie weiter. Sie schrieb über das Licht in den Gaststuben, über das Gewicht des Bestecks, über das Klirren aus der Küche und darüber, wie ein Kellner einen Teller abstellte, als überreiche er ein Geständnis. Sie beschrieb das Knacken einer Kruste, die Hitze einer Suppe, die Farbe eines Rotkohls, der aussah wie ein Sonnenuntergang über dem Starnberger See. Was die Gerichte schmeckten, umschrieb sie mit eleganten Die Leser waren begeistert. Ihr Chefredakteur lobte, sie schreibe poetischer denn je. Renate lächelte und hasste jeden einzelnen Tag.
Im Juni besuchte sie das „Glut“, ein kleines Lokal in Giesing mit zwölf Tischen und einem Koch, der erst neunundzwanzig war. Tarek Haddad hatte bei einem bekannten Koch in Salzburg gelernt und kochte, was er „Wirtshaus mit nannte. Renate aß sich durch das ganze Menü, lobte drei Tage später das Knistern der Schweinekruste und die „verführerische, beinahe kindliche Süße“ der Crème zum Dessert und verlieh dem Lokal vier von fünf Sternen. In Giesing stand das Telefon nicht mehr still.
Tarek las die Kritik dreimal, und mit jedem Mal wurde ihm unbehaglicher. An jenem Abend war in der Küche ein Unglück passiert: Sein Lehrling hatte die Behälter und die Crème mit Salz statt mit Zucker angerührt. Tarek hatte es erst bemerkt, als der Teller schon draußen war, und hatte zitternd zugesehen, wie die Frau Brandl den Löffel hob. Sie hatte die Schale leer gegessen, ohne mit der zu Damals hatte er es für Höflichkeit gehalten. Jetzt verstand er.
Er hätte daraus eine Geschichte machen können, die halb München amüsiert hätte. Stattdessen schrieb er ihr einen Brief, mit der Hand. Er wisse Bescheid, schrieb er, und er werde es niemandem erzählen. Aber er lade sie ein, am kommenden Montag, wenn das Lokal geschlossen habe. „Ich koche Ihnen ein Menü, das man nicht schmecken muss.“ Renate las den Brief im Stehen, in ihrem Flur, und setzte sich dann auf die Treppe. Zwei Tage lang sie mit sich. Dann sagte sie zu.
Der Abend begann mit eiskaltem, stark perlendem Wasser, das auf der Zunge wie ein Witz, den man spürt, bevor man ihn versteht. Es folgten ein Rettich, so knackig, dass es im leeren Raum widerhallte, eine Suppe, die heiß und kalt zugleich war, und schließlich ein Stück Lamm mit einer Paste aus frischen Chilis. Tarek hatte gelesen, dass die nicht über den Geschmack wahrgenommen wird, sondern über den Schmerz. Renate nahm einen Bissen, und zum ersten Mal seit vier Monaten brannte etwas in ihrem Mund. Sie legte die Gabel hin und weinte, ohne sich zu schämen.
Ihre nächste Kolumne erschien eine Woche später. Darin erzählte sie, ohne von ihrer Krankheit und davon, dass sie ihre Leser monatelang getäuscht habe. Sie kündigte an, eine Pause einzulegen. Der letzte Absatz handelte vom „Glut“ in Giesing und endete mit dem Satz: „Ich habe in diesem Lokal nichts geschmeckt. Es war das beste Essen meines Lebens.“
Comprehension check
0/4 answered
1. What did the doctor tell Renate about her sense of taste?
2. How did Renate's reviews change after her illness?
3. How did Tarek realise that Renate could not taste anything?
4. Why did the chilli dish make Renate cry?