Short story
Die Kartenlegerin vom Naschmarkt
A former statistician who reads tarot cards at a Vienna market gets a nervous young client who wants to know whether he should propose.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- die Samtdecke · velvet cloth
- nicht im Geringsten · not in the slightest
- der Jänner (österr.) · January (Austrian)
- einen Antrag machen · to propose (marriage)
- die Lade (österr.) · drawer (Austrian); here "Sockenlade", sock drawer
- die Fassung verlieren · to lose one's composure
- na servas (österr.) · well, I'll be! (Austrian exclamation of surprise)
- in der Früh (süddt., österr.) · early in the morning
- der Punschkrapfen · Austrian pink-iced cake soaked in punch
- das Gedränge · crowd, crush
- das G'spür (österr.) · feel, instinct (Austrian for "Gespür")
- das Kuvert (österr.) · envelope (Austrian)
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Frau Edeltraud Pospischil hatte fünfunddreißig Jahre lang bei der Statistik Austria gearbeitet, bevor sie sich zwischen einem Olivenstand und einem Käsehändler am Wiener Naschmarkt einen kleinen Tisch mit mietete. Kartenlegen, zwanzig Minuten, fünfundzwanzig Euro. An die Karten glaubte sie nicht im Sie glaubte an Wahrscheinlichkeiten. Die meisten Menschen, hatte sie festgestellt, kamen mit einer Antwort, die sie längst kannten, und suchten nur jemanden, der ihnen die Erlaubnis dazu gab. Ihre einzige Regel lautete: Nie etwas sagen, was nicht auch so stimmen könnte.
An einem eisigen Dienstag im setzte sich ein junger Mann an ihren Tisch, rotgefroren, mit einem Schal, der dreimal um den Hals gewickelt war. Er heiße Florian, sagte er, sei Lehrer an einer Mittelschule in Favoriten, und er habe eine einzige Frage: ob er seiner Freundin einen machen solle. Der Ring liege seit sechs Wochen in seiner „Sie ist halt so unabhängig“, sagte er. „Und ihre Mutter soll ein Drache sein. Ich kenn sie gar net. Lena sagt, die nimmt jeden Mann auseinander wie eine Statistik.“
Frau Pospischil mischte die Karten mit ruhigen Händen. Der eigentliche Trick bestand darin, Fragen zu stellen, ohne dass es nach Fragen klang. So erfuhr sie in wenigen Minuten, dass die Freundin Ärztin im AKH war, auf Berge stieg, Rosen für eine Erfindung der Floristenlobby hielt und mit ihrer Mutter über Männer grundsätzlich nicht redete. Dann zog Florian sein Handy heraus, um ihr ein Foto zu zeigen. Frau Pospischil warf einen Blick darauf und verlor für einen Augenblick die Na Auf dem Bildschirm lachte ihr ihre eigene Tochter entgegen. Ihre Lena, die ihr seit anderthalb Jahren offenbar einen Freund verschwiegen hatte.
Sie legte die erste Karte auf den Tisch, ohne hinzusehen. Es war der Turm. Florian wurde blass. „Keine Sorge“, sagte sie, und ihre Stimme klang beinahe normal. „Der heißt nur, dass sich was ändert. Das tut's eh immer.“ Innerlich ging sie die Lage durch wie eine Tabelle. Sie könnte ihm die Wahrheit sagen, und er würde vor Schreck den Ring in die Donau werfen. Sie könnte ihm abraten, und Lena würde es nie erfahren und ihr trotzdem nie verzeihen. Oder sie könnte tun, wofür sie fünfundzwanzig Euro verlangte: ihm sagen, was ohnehin stimmte.
„Die Karten sind eindeutig“, sagte sie und tippte auf den Turm, als stünde dort etwas geschrieben. „Keine Rosen. Auf keinen Fall Rosen. Kein Restaurant, kein Geiger. Auf einen Berg, und zwar in der bevor die Sonne aufgeht. Die Rax wär ideal.“ Sie zog eine zweite Karte. „Und wenn S' dann zur Mutter gehen: mitbringen. Die mag sie.“ Florian starrte sie an. „Woher wissen Sie das mit den Frau Pospischil hob die Augenbrauen. „Die Karten, Herr Florian. Die Karten.“
Er wollte ihr dreißig Euro geben, doch sie gab ihm fünf zurück. „Fünfundzwanzig“, sagte sie. „Familienrabatt gibt's keinen.“ Florian lachte unsicher, weil er den Witz nicht verstand, und verschwand im zwischen den Ständen. Frau Pospischil sah ihm lange nach. Dann packte sie, eine Stunde zu ihre Karten ein und ging in die nächste Konditorei, wo sie zwei hintereinander aß, was sie sich sonst nur zu Weihnachten erlaubte.
Drei Wochen später klingelte es an einem Sonntag an ihrer Wohnungstür in Ottakring. Draußen standen Lena, strahlend, und neben ihr ein junger Mann mit einem Schal, der dreimal um den Hals gewickelt war, und einer Schachtel in den Händen. Als er ihr ins Gesicht sah, wurde er so weiß wie die Wand hinter ihr. „Mama, das ist Florian“, sagte Lena. „Wir haben uns verlobt. Am Freitag, auf der Rax, bei Sonnenaufgang. Stell dir vor, er hat gewusst, dass ich Rosen hasse.“ „Na sowas“, sagte Frau Pospischil und nahm ihm die Schachtel ab. „Manche Männer haben halt ein Kommen S' herein, Florian.“
Er hat Lena nie davon erzählt. Aber einmal im Jahr, um den Hochzeitstag herum, findet Frau Pospischil in ihrem Postkasten ein ohne Absender. Darin liegen fünfundzwanzig Euro und ein Zettel mit einem einzigen Wort: „Beratung“.
Comprehension check
0/4 answered
1. What does Frau Pospischil really believe in?
2. Why does Frau Pospischil lose her composure for a moment?
3. What does she say when Florian asks how she knows about the Punschkrapfen?
4. What does Florian do every year around the wedding anniversary?