Deep End
← Advanced stories

Short story

Das Wandbild

One morning a huge mural appears on the old school of a Palatinate wine village that the mayor wants to sell, and nobody knows who painted it.

Tap a dotted word for its meaning.

Words to know (12)
  • die Giebelwand · gable wall
  • der Ranzen · school satchel
  • die Sachbeschädigung · criminal damage, vandalism
  • der/die Zugereiste · incomer, newcomer (to a village)
  • die Sprühdose · spray can
  • die Straußwirtschaft · seasonal tavern run by a winemaker
  • die Weinlese · grape harvest
  • das Dubbeglas (pfälz.) · Palatinate dimpled wine glass for spritzers
  • das Mädel · girl (colloquial, southern)
  • hinkriegen · to manage, get (something) right (colloquial)
  • der Bub (südd.) · boy (southern German)
  • jemandem etwas an die Wand malen · to spell something out for someone (play on "den Teufel an die Wand malen")

Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.

Am Morgen des 3. Oktober stand ganz Kirchheimbach vor der alten Schule und schwieg, was in einem Pfälzer Weindorf ungefähr so selten vorkommt wie eine Sonnenfinsternis. Über Nacht hatte jemand die gesamte des leer stehenden Gebäudes bemalt, zwölf Meter breit, in kräftigen Farben: einen Schulhof voller Kinder, mit Kniestrümpfen und Zöpfen, unter einer gewaltigen Kastanie, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gab. Darunter stand in schmalen Buchstaben eine Jahreszahl: 1971.

Bürgermeister Rüdiger Kessler kam als Letzter, im Anorak über dem Schlafanzug, und sah aus, als hätte ihm jemand persönlich auf den Wagen gespuckt. Die alte Schule sollte nämlich verkauft werden, an einen Investor aus Mannheim, der daraus „Wein-Lofts mit Flair“ machen wollte. Der Gemeinderat sollte am Freitag abstimmen. sagte Kessler, und dann, etwas lauter, als niemand antwortete: „Das wird bis Freitag überstrichen. Ende der Diskussion.“

Nele Hartmann, die vor zwei Jahren aus Berlin zurückgekommen war, um das Weingut ihrer Eltern zu übernehmen, und im Dorf noch immer ein wenig als galt, blieb länger als die anderen. Sie war früher Journalistin gewesen, und Rätsel ließen ihr keine Ruhe. Je länger sie hinsah, desto merkwürdiger fand sie das Bild. Wer immer es gemalt hatte, beherrschte die wie ein Profi. Aber die Einzelheiten stammten von jemandem, der dabei gewesen sein musste: der Hund des Lehrers, ein schwarzer Spitz, der auf den Namen Bello gehört hatte; die Kastanie, die 1979 bei einem Sturm umgestürzt war; die alte Pumpe in der Hofecke. Junge Hände, dachte Nele, und ein altes Gedächtnis.

Sie hörte sich um, beim Bäcker, in der bei der wo man zwischen den Reihen ohnehin über nichts anderes sprach. Die Alten erkannten sich auf dem Bild wieder, einer nach dem anderen, und stritten beim Schorle aus dem darüber, wer der dicke Junge mit dem Ball sei. Und Herr Schäfer, der Nachbar der Schule, erinnerte sich an ein kleines rotes Auto, das in der Nacht vor dem Feiertag hinter der Turnhalle gestanden habe, mit einem Parkausweis der Kunsthochschule in Mainz an der Scheibe. In Kirchheimbach studierte nur ein einziger Mensch an der Kunsthochschule in Mainz: Lea Kessler, die Tochter des Bürgermeisters.

Nele fuhr nicht nach Mainz. Sie fuhr ins Seniorenheim nach Bad Dürkheim, wo die Mutter des Bürgermeisters seit einem Jahr lebte. Hildegard Kessler, neunundachtzig, hatte vierzig Jahre lang an der Dorfschule unterrichtet. Sie saß am Fenster, die Hände im Schoß, und unter ihren Fingernägeln, Nele sah es sofort, klebten winzige Reste von Farbe. „Ich hab nur gesagt, wo was hingehört“, sagte die alte Dame, bevor Nele überhaupt eine Frage stellen konnte. „Gemalt hat das Ich hab im Auto gesessen, mit einer Thermoskanne, und aufgepasst, dass sie den Spitz richtig

Am Freitagabend war der Gemeinderatssaal so voll wie seit der Debatte über das Windrad nicht mehr. Kessler hatte den Antrag auf Verkauf vor sich liegen, dazu ein Angebot für die Fassadenreinigung. Bevor er die Sitzung eröffnete, bat Nele ihn, kurz mit ihr vor die Tür zu kommen, und zeigte ihm, im Licht ihrer Taschenlampe, eine Stelle unten links im Bild, die ihm bisher niemand gezeigt hatte. Dort stand, kleiner als die anderen, ein Junge mit einem viel zu großen und weinte. Eine junge Lehrerin hielt ihn an der Hand. Rüdiger Kessler starrte lange auf das Bild. Es war sein erster Schultag gewesen. Er hatte ihn vergessen gehabt. Seine Mutter offenbar nicht.

Der Antrag auf Verkauf wurde an diesem Abend zurückgezogen, „zur weiteren Beratung“, wie es im Protokoll heißt. Heute ist die alte Schule ein Dorfgemeinschaftshaus mit einem Café, einer Bücherecke und, donnerstags, einem Malkurs für Senioren, den eine Studentin aus Mainz leitet. Als Nele die alte Frau Kessler später fragte, warum sie ihrem Sohn nicht einfach die Meinung gesagt habe, lächelte die nur. „Dem hat man noch nie was sagen können“, sagte sie. „Dem musste man es schon immer an die malen.“

Comprehension check

0/4 answered

1. Why was the mayor so angry about the mural?

2. What did Nele conclude from the details of the painting?

3. What did Nele notice about Hildegard Kessler?

4. What made the mayor change his mind?