Short story
Nachruf auf Vorrat
A Viennese journalist who writes obituaries in advance gets a call from a famous old actress who wants to read her own.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- der Nachruf · obituary
- betrauern · to mourn
- die Warteschleife · holding pattern, waiting loop
- gelinde gesagt · to put it mildly
- beäugen · to eye, to look over
- die Tragödin · tragic actress, tragedienne
- verabscheuen · to loathe, to detest
- klaffen · to gape (of a gap)
- sich etwas eingestehen · to admit something to oneself
- das Kuvert (österr.) · envelope (Austrian)
- die Füllfeder (österr.) · fountain pen (Austrian)
- widersprechen · to object, to contradict
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In der Redaktion des „Wiener Abendblatts“ gab es einen Schrank, über den man nicht sprach. Er stand im dritten Stock, gleich neben der Kaffeemaschine, und enthielt die auf Menschen, die noch lebten. Wer bedeutend genug war, um eines Tages auf der Kulturseite zu werden, hatte dort eine Mappe: Schauspieler, Bischöfe, ehemalige Minister, ein Skirennläufer. Thomas Wallner, seit elf Jahren für diese Mappen zuständig, nannte den Schrank insgeheim „die
Dass eines Tages eine der Wartenden anrufen würde, hatte niemand vorgesehen. „Grüß Gott, hier spricht Hedwig Lanner“, sagte eine Stimme, die er aus hundert Burgtheaterabenden kannte, rauchig und eine Spur zu deutlich, als stünde sie noch immer auf der Bühne. „Ich habe gehört, Sie haben mich schon geschrieben. Ich möchte das lesen.“ Wallner verschluckte sich am Kaffee. Woher sie das wisse, fragte er. „Junger Mann, ich bin einundneunzig. In meinem Alter erfährt man alles, bloß meistens zu spät.“
Er hätte ablehnen müssen; das verstieß gegen jede Regel, und der Chefredakteur hätte ihn, gesagt, nicht gelobt. Trotzdem saß er am nächsten Nachmittag in einer Wohnung in der Josefstadt, zwischen Fotografien, Theaterplakaten und einem Kanarienvogel, der ihn misstrauisch Frau Lanner las, die Brille auf der Nasenspitze, den Text, auf den er heimlich stolz war: „die große „eine Stimme wie dunkler Samt“, „ihr Leben gehörte der Bühne“.
„Nein“, sagte sie und legte das Blatt auf den Tisch, als wäre es ein schlecht herausgebackenes Schnitzel. „Das ist alles wahr, und es ist alles falsch.“ Die große sei sie nur gewesen, weil man ihr nie eine Komödie gegeben habe. Und ihr Leben habe keineswegs der Bühne gehört. „Die Bühne hat mich gemietet, für drei Stunden am Abend. Der Rest hat mir gehört.“
So begann, was Wallner später ein Diktat nennen sollte. Jeden Dienstag fuhr er mit der Straßenbahn in die Josefstadt, und jeden Dienstag strich sie etwas. Die Preise flogen hinaus, die Ehrenringe, der Bundespräsident, der ihr 1987 die Hand geküsst hatte. Stattdessen kamen Dinge hinein, mit denen kein Leser des „Abendblatts“ gerechnet hätte: dass sie leidenschaftlich schlecht Karten gespielt habe; dass sie mit vierzig Jahren schwimmen gelernt habe, in der Alten Donau, unter dem Gelächter der Kinder; dass sie Marillenknödel nur aus Pflichtgefühl gegessen und eigentlich habe.
Nur über einen Punkt sprach sie nie. In ihrem Lebenslauf zwischen 1961 und 1963 eine Lücke, und als Wallner danach fragte, wechselte sie das Thema oder sah dem Vogel beim Fressen zu. Wallner, Journalist genug, um sich darüber zu ärgern, und höflich genug, um es nicht zu zeigen, fragte nicht wieder. Er hatte ohnehin aufgehört, sich bei diesen Besuchen als Journalist zu fühlen. Eher als Schneider, der einer alten Dame ein Kleid anpasste, das sie nie anziehen würde.
Im Februar war der Text fertig. Er war kürzer als vorher, frecher und, wie Wallner sich musste, um vieles besser. Frau Lanner las ihn zweimal, nickte und schob ihm dann ein über den Tisch. „Das kommt dazu. Aber erst, wenn ich nicht mehr kann.“ Er solle es nicht vorher öffnen. Sie werde es merken, wenn er es tue; Schauspielerinnen merkten so etwas.
Sie starb im Mai, an einem Vormittag, an dem es in Wien zum ersten Mal richtig warm war. Wallner öffnete das an seinem Schreibtisch, neben dem Schrank, der nun eine Mappe weniger enthielt. Darin lag ein einziger Satz, mit geschrieben: „Zwischen 1961 und 1963 war sie glücklich. Mehr geht niemanden etwas an.“ Er setzte ihn ans Ende, ohne ein Wort zu ändern. Der Chefredakteur strich ihn wieder heraus, weil er nichts erkläre. Wallner schrieb ihn zurück. Am Ende blieb er stehen, und es war, wie man ihm später erzählte, der Satz, über den in den Kaffeehäusern am meisten gesprochen wurde.
Comprehension check
0/4 answered
1. What did the cupboard next to the coffee machine contain?
2. What was Hedwig Lanner's objection to the first version?
3. Which of these did she have added to the text?
4. What was in the envelope?