Deep End
← Advanced stories

Short story

Der leere Raum

A retired car worker takes a summer job as a guard at the documenta art exhibition in Kassel and is put in charge of a completely empty room.

Tap a dotted word for its meaning.

Words to know (12)
  • jemandem etwas nahelegen · to suggest something to someone (strongly)
  • die Aufsicht · attendant, supervision
  • der Pförtner · porter, doorman
  • abreißen · to demolish, to pull down
  • jemanden ermahnen · to tell someone off, to warn
  • aufschnappen · to pick up (a remark, an idea)
  • die Abwesenheit · absence
  • das Band · assembly line
  • der Meister · foreman, master craftsman
  • geschmeichelt · flattered
  • hereinlegen · to trick, to con
  • der Aufseher · attendant, guard

Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.

Nach achtunddreißig Jahren im Volkswagenwerk in Baunatal hatte Jürgen Hellwig genau vier Wochen Ruhestand ausgehalten, bevor seine Frau ihm sich eine Beschäftigung zu suchen, und zwar außer Haus. So kam es, dass er im Juni eine dunkelblaue Weste mit der Aufschrift trug und für hundert Tage einen Raum der documenta in Kassel bewachte. Der Raum lag im ersten Stock des Fridericianums, war weiß gestrichen, etwa sechs mal acht Meter groß und vollkommen leer. Hellwig hatte noch nie eine Ausstellung besucht, wenn man von der Leistungsschau des örtlichen Kaninchenzüchtervereins absah. Neben der Tür hing ein kleines Schild: „M. Ostrowski, Ohne Titel“.

Was sollte er hier eigentlich bewachen? Es gab nichts zu stehlen, nichts zu berühren, nichts, wovor man drei Schritte Abstand halten musste. In den ersten Tagen fühlte er sich wie ein vor einem Haus. Die Besucher fotografierten die Wände, manche lachten, ein Herr aus Düsseldorf verlangte, mit der Kuratorin zu sprechen, und eine Schulklasse aus Göttingen prüfte lautstark, ob es ein Echo gab. Es gab eins. Hellwig die Schüler und kam sich dabei ziemlich lächerlich vor.

Dann geschah etwas Merkwürdiges. Weil sonst nichts im Raum war, sahen die Leute ihn an. Sie fragten ihn, was das Werk bedeute, und anfangs erfand er Antworten, die er in anderen Sälen hatte: Leere als Widerstand, als Präsenz. Mit der Zeit wurden seine Antworten kürzer und ehrlicher. „Keine Ahnung“, sagte er, „aber man hört hier drin sehr gut, wie es draußen regnet.“ Die Leute blieben dann oft eine ganze Weile, und manche erzählten ihm Dinge, die man einem Fremden in einer Weste normalerweise nicht erzählt.

Eine Besucherin kam jeden Tag. Sie war vielleicht Mitte dreißig, setzte sich mit einem Notizbuch in die Ecke und schaute nicht auf die Wände, sondern auf ihn. Hellwig hielt sie zunächst für eine Kontrolleurin der Sicherheitsfirma, dann für eine Kritikerin, schließlich für jemanden, der zu viel Zeit hatte. In der dritten Woche fragte sie ihn, was er früher gemacht habe. Er erzählte ihr von der Halle, vom von den Getrieben, die er achtunddreißig Jahre lang montiert hatte, vierhundert pro Schicht. „Und hat Sie dabei mal jemand angesehen?“, fragte sie. Er dachte nach. „Der Wenn was schiefging.“

Am hundertsten Tag erschien die Kuratorin mit einem Fotografen, und die Frau aus der Ecke war bei ihr. Sie stellte sich vor: Marta Ostrowski. Dann reichte sie ihm den Katalog, den er in hundert Tagen nicht ein einziges Mal aufgeschlagen hatte, und zeigte ihm die Seite. Dort stand, in zwei Sätzen: „Der Raum ist nicht leer. Das Werk besteht aus der Person, die ihn bewacht.“

Hellwig las es dreimal. Hundert Tage. Ein Kunstwerk. Er, Jürgen Hellwig aus Baunatal, der nicht einmal im Fotoalbum seiner Hochzeit vorne stand. Er wusste nicht, ob er sich oder fühlen sollte, und entschied sich für beides. Ob er dem Museum in Frankfurt, das die Arbeit gekauft habe, erlaube, seinen Namen zu nennen, fragte die Künstlerin. Dort werde künftig ein anderer stehen. Hellwig nickte. „Aber sagen Sie dem Kollegen“, meinte er, „dass man hier drin sehr gut hört, wie es draußen regnet.“

Am Abend erzählte er seiner Frau alles. Sie hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen, was selten vorkam, und fragte dann nur: „Und? Was haben sie für dich bezahlt?“ Er wusste es nicht. Er hatte nicht gefragt. Zum ersten Mal seit achtunddreißig Jahren war es ihm egal gewesen.

Comprehension check

0/4 answered

1. Why did Jürgen Hellwig take the job at the documenta?

2. Why did the visitors start looking at Hellwig?

3. Who was the woman who came every day?

4. What did the catalogue reveal?