Short story
Der Marillenbaum
In a Viennese allotment colony, a retired senior civil servant writes increasingly formal letters to his new neighbour about her apricot tree.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- die Marille (österr.) · apricot (Austrian)
- die Pächterin · tenant, leaseholder (female)
- ragen · to jut out, to stick out
- jemandem etwas verleiden · to spoil something for someone
- ersuchen (österr., formell) · to request (formal)
- umgehend · immediate(ly)
- heuer (österr.) · this year (Austrian)
- die Schonung · care, protection (from damage)
- der Obmann (österr.) · chairman (of a club)
- die Pacht · lease
- das Schlagobers (österr.) · whipped cream (Austrian)
- reiflich · careful, thorough (of consideration)
Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.
Wien, am 3. Juli. Sehr geehrte Frau Magistra Novak! Gestatten Sie mir, Sie als neue der Parzelle 15 auf einen Umstand hinzuweisen, der Ihnen womöglich entgangen ist. Die Äste Ihres Marillenbaums inzwischen gut eineinhalb Meter über den Zaun in meinen Garten. Seit Mitte Juni sammle ich täglich herabgefallene Früchte von meinem Rasen, die zudem Wespen in einer Zahl anlocken, die mir den Aufenthalt im Freien Ich Sie daher höflich um einen Rückschnitt, spätestens bis 15. Juli. Mit vorzüglicher Hochachtung, Hofrat Dr. Ferdinand Pichler, Parzelle 14.
Wien, 5. Juli. Lieber Herr Hofrat! Vielen Dank für Ihren Brief, ich habe noch nie einen so schönen bekommen, schon gar nicht wegen Obst. Leider muss ich Sie enttäuschen: Mitten in der Erntezeit schneide ich keinen Baum, das täte mir in der Seele weh. Die die auf Ihrer Seite landen, dürfen Sie aber gern behalten, sind sie besonders süß. Liebe Grüße aus der Nummer 15, Dragana Novak. P.S. Gegen Wespen hilft Basilikum, sagt meine Mutter.
Wien, am 8. Juli. Sehr geehrte Frau Magistra! Ich esse keine Ich darf Sie ferner auf § 422 des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches aufmerksam machen, wonach jeder Eigentümer die über seinen Grund hängenden Äste eines fremden Baumes selbst entfernen darf, und zwar auf eigene Kosten und unter größtmöglicher des Baumes. Von diesem Recht gedenke ich am Samstag, dem 20. Juli, um 9 Uhr Gebrauch zu machen. Hochachtungsvoll, Dr. F. Pichler.
Wien, 10. Juli. Lieber Herr Hofrat! Das ist natürlich Ihr gutes Recht, und ich werde Ihnen keine Steine in den Weg legen. Ich bringe am Samstag Kaffee mit. Übrigens hat mir der unseres Vereins erzählt, dass der Baum 1979 gepflanzt worden sei, von einer Frau Gertrude Pichler. Ist das ein Zufall? Sie müssen nicht antworten. Ihre Dragana Novak.
Wien, am 21. Juli. Sehr geehrte Frau Novak! Sie werden bemerkt haben, dass ich am Samstag nicht erschienen bin. Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Die Parzellen 14 und 15 waren einmal beide unsere. Meine Frau hat die im ersten Jahr unserer Ehe gesetzt, als Spaß, weil ich behauptete, in Floridsdorf werde nie etwas Ordentliches wachsen. Nach ihrem Tod vor dreizehn Jahren habe ich die für die Nummer 15 nicht mehr verlängert; zwei Gärten waren für einen Menschen zu viel. Seitdem habe ich keine einzige gegessen. Jede, die auf meinen Rasen fällt, ist eine Erinnerung, die ich nicht bestellt habe. Ich bitte den Ton meiner bisherigen Schreiben zu entschuldigen. F. Pichler.
Wien, 22. Juli. Lieber Herr Pichler! Auf Ihrem Zaunpfosten steht ein Glas Marmelade. Am Sonntag um drei backe ich einen Marillenkuchen, aus Gertis Baum, und ich habe viel zu viel Teig. Sie müssen nichts essen. Sie dürfen auch nur zuschauen. Den Baum schneide ich im Herbst, wenn Sie mir zeigen, wie sie ihn geschnitten hätte. Ihre Dragana.
Wien, am 29. Juli. Sehr geehrte, liebe Frau Novak! Für den Sonntagnachmittag danke ich Ihnen sehr. Ich habe Ihnen das geschuldet, das ich vergessen hatte, und lege daher ein Packerl Kaffee bei. Was den Rückschnitt betrifft, so bin ich nach Überlegung zu dem Schluss gekommen, dass der Ast über meinem Komposthaufen bleiben darf. Die übrigen ebenso. Mit herzlichen Grüßen, Ihr Ferdinand Pichler. P.S. Der Kuchen war, ich muss es gestehen, besser als Gertis. Ich Sie, das niemandem im Verein zu erzählen.
Comprehension check
0/4 answered
1. What did Dr. Pichler ask for in his first letter?
2. How did Dragana Novak react to his first letter?
3. Why did Dr. Pichler not come on 20 July?
4. What does his P.S. in the last letter reveal?