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Short story

Der Waschbär und der Wolf

A fable from the edge of the Kellerwald in Hesse: an unwanted raccoon discovers what humans fear most and uses a hunter's wildlife camera to give it to them.

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Words to know (12)
  • der Waschbär · raccoon
  • der Neubürger · newcomer, new citizen
  • die Plage · pest, plague
  • der Jagdpächter · holder of a hunting lease
  • das Revier · hunting ground, territory
  • aussetzen · to release (an animal) into the wild
  • die Kirrung · bait site (for game)
  • der Raureif · hoarfrost
  • körnig · grainy
  • aufplustern · to fluff up (fur, feathers)
  • die Linse · lens
  • sich etwas borgen · to borrow something

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Man nennt mich einen und das ist noch das Freundlichste. In den Zeitungen heiße ich invasive Art, im Bauernverband und der Dr. Volker Sennhenn, Notar aus Frankfurt, der an den Wochenenden in unserem am Rand des Kellerwalds Hochsitze besteigt, nennt mich gar nicht, er schießt. Meine Vorfahren sind in den Dreißigerjahren am Edersee worden, man wollte die heimische Fauna bereichern, wie es hieß. Wir haben die Fauna bereichert. Seither sind wir nicht mehr willkommen.

Ich habe früh gelernt, dass man in diesem Land nicht durch Kraft überlebt, sondern durch Aufmerksamkeit. Der Notar hatte an seiner einem Haufen Mais am Waldrand, eine Wildkamera an eine Eiche geschraubt, ein graues Kästchen mit einem roten Lämpchen, das jedes Mal leise klickte, wenn sich davor etwas bewegte. Ich habe wochenlang unter der Veranda seiner Jagdhütte gelegen und zugehört, wenn er mit seinen Gästen die Bilder ansah. So lernte ich zweierlei: dass die Menschen glauben, was sie auf einem Bildschirm sehen, und dass sie nichts so sehr fürchten wie den Wolf.

Der Wolf war damals in unserer Gegend nur ein Gerücht. Man redete in der Hütte über ihn, wie man über ein Unwetter redet, das in einem anderen Bundesland niedergegangen ist. Der Notar sagte, wenn sich erst einmal ein Wolf im zeige, könne er die Jagd vergessen; das Wild werde scheu, die Gäste blieben weg, und seine Frau lasse ihn nachts nicht mehr hinaus. Ich lag unter der Veranda und begriff, dass ich soeben die wertvollste Information meines Lebens gehört hatte.

Der Rest war Handwerk. Ich wartete auf eine Nacht im November, mit und Nebel, in der das Infrarotlicht der Kamera alles grau und machte. Aus dem Hundekorb des Ferienhofs am Waldrand holte ich ein Büschel Fell von einem Husky. Dann trat ich dicht vor die ganz dicht, den Pelz den Kopf gesenkt, und ließ meine Augen in das rote Lämpchen leuchten. Ein der nah genug vor einer Kamera steht, ist so groß wie ein Wolf. Das ist keine Lüge, das ist Perspektive. Das Fell legte ich auf den Mais.

Am Samstag darauf saß der Notar sehr still vor seinem Bildschirm. Am Montag kam der Wolfsberater des Landes, ein bärtiger Mann, der das Fell in eine Tüte steckte und sagte, man müsse die genetische Analyse abwarten. Am Mittwoch stand in der Lokalzeitung: „Wolf im Kellerwald? Jäger in Sorge“. Der Notar gab seine Jagdpacht noch vor Weihnachten auf. Ich verbrachte einen Winter, wie ihn ein sonst nur aus Erzählungen kennt: Mais, Ruhe und eine Jagdhütte, deren Mülltonne niemand mehr abschloss.

Im April, an einem Abend mit Regen, stand er vor mir. Er war jung, mager und von einer höflichen Ruhe, wie ich sie bei keinem Tier je gesehen hatte. Er komme aus der Lausitz, sagte er, und sei seit Monaten nach Westen gewandert, immer den Geschichten nach. „Man hat mir erzählt, hier gebe es schon einen von uns“, sagte er. „Ich wollte ihn kennenlernen.“ Er betrachtete mich lange. Dann sah er auf die Eiche, auf das graue Kästchen mit dem roten Lämpchen, und ich glaube, er verstand alles, ohne dass ich ein Wort sagen musste. „Du hast meinen Namen benutzt“, sagte er. Es klang nicht einmal wütend. Es klang wie jemand, der eine Rechnung ausstellt.

Ich bin noch in derselben Nacht weitergezogen, über die Bundesstraße nach Süden, wo es Gärten gibt und Komposthaufen und Menschen, die mich für eine halten, aber wenigstens keine Wölfe. Die genetische Analyse, habe ich später gehört, ergab übrigens eindeutig: Hund. Im Mai hat die Kamera dann einen echten Wolf fotografiert. Diesmal hat es keiner geglaubt.

Moral: Wer sich einen Namen muss damit rechnen, dass der Besitzer ihn eines Tages zurückverlangt. Und wer einmal „Wolf“ gerufen hat, dem glaubt man irgendwann nicht mehr, auch dann nicht, wenn es gar nicht er ist, der ruft.

Comprehension check

0/4 answered

1. How did the raccoon's family come to the area?

2. How does the raccoon create the "wolf"?

3. How does the real wolf react when he meets the raccoon?

4. What is ironic about the photo taken in May?