Short story
Doppelt besetzt
A dull customs officer in Rostock discovers that the star of a new TV crime series has exactly his face, and the actor has an idea.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (11)
- der Zollbeamte · customs officer
- zweckmäßig · functional, practical
- verkörpern · to play, to embody (a role)
- das Lid · eyelid
- wortkarg · taciturn, of few words
- sich ertappen · to catch oneself (doing something)
- die Absperrung · barrier, cordon
- verkehren (in) · to frequent (a place)
- ungekünstelt · natural, unaffected
- jemandem etwas zutrauen · to believe someone capable of something
- der Aufgriff · seizure (by customs or police)
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Uwe Behrendt war zweiundfünfzig, im Rostocker Überseehafen und ein Mann, nach dem sich niemand umdrehte. Das hatte er immer geschätzt. Er hatte ein Gesicht wie ein Formular: vollständig ausgefüllt und nach dem Lesen sofort vergessen. Das änderte sich im Frühjahr, als das Fernsehen anfing, „Ostseemord“ auszustrahlen, eine Krimiserie, die in Rostock spielte und deren Hauptkommissar, ein gewisser Jens Wollin, von einem Schauspieler namens Mark Hessler wurde. Mark Hessler hatte Uwes Gesicht.
Nicht ein ähnliches, sondern genau seines: dieselbe schiefe Nase, dieselben schweren derselbe Ausdruck eines Menschen, der gerade überlegt, ob er das Licht im Keller ausgeschaltet hat. Nach der dritten Folge wurde Uwe beim Bäcker um ein Autogramm gebeten. Nach der fünften rief ihm ein Mann an der Ampel „Na, Wollin, wieder 'ne Leiche gefunden?“ hinterher. Die Kollegen im Hafen begannen, ihn „Herr Kommissar“ zu nennen, und Uwe, der in sechsundzwanzig Dienstjahren kein einziges Mal laut geworden war, merkte, dass es ihm nicht unangenehm war.
Er sah sich die Serie an, heimlich zuerst, dann mit Notizblock. Wollin war ein unglücklicher Mann, der nachts am Stadthafen stand und aufs Wasser starrte, bevor er einen Fall löste. Uwe fand das übertrieben. Kein Mensch stand nachts am Stadthafen und starrte aufs Wasser, es war kalt und roch nach Diesel. Trotzdem er sich dabei, beim Bäcker seine Brötchen mit einem unglücklichen Gesicht zu bestellen, und die Verkäuferin legte ihm ein Franzbrötchen gratis dazu.
Im Juni wurde am Hafen gedreht. Uwe ging in der Mittagspause hin, aus dienstlichen Gründen, wie er sich sagte. Mark Hessler saß in einem Klappstuhl hinter der rauchte und sah aus wie ein Mann, der seit Monaten nicht mehr in Ruhe einkaufen gegangen war. Als er Uwe sah, ließ er die Zigarette fallen. Sie standen sich eine Weile gegenüber wie zwei Leute vor demselben Spiegel, die nicht wissen, wer von ihnen das Spiegelbild ist.
Sie gingen auf ein Bier, in eine Kneipe am Hafen, in der Uwe seit Jahren und in der man Hessler sofort mit „Na, Uwe“ begrüßte. Hessler gefiel das außerordentlich. Er erzählte, er könne seit „Ostseemord“ keinen Schritt mehr tun, ohne fotografiert zu werden, und er habe seit einem Jahr kaum einen Satz gesagt, den nicht ein Drehbuchautor geschrieben habe. Uwe erzählte, er habe seit sechsundzwanzig Jahren keinen Satz gesagt, der nicht in einer Dienstvorschrift stehe. Gegen Mitternacht, beim vierten Bier, machte Hessler einen Vorschlag. Uwe hielt ihn für einen Scherz. Hessler auch, bis zum nächsten Morgen.
Am Dienstag darauf saß Mark Hessler in Uwes Uniform im Zollamt und prüfte Frachtpapiere, und Uwe stand in Hesslers Mantel am Stadthafen und starrte, auf Anweisung der Regisseurin, aufs Wasser. Es war kalt und roch nach Diesel. Die Regisseurin sagte nach der ersten Einstellung, so gut sei er noch nie gewesen, so so echt. Uwe sagte nichts, was sie für Tiefe hielt.
Hessler wiederum, gelangweilt von den Frachtpapieren, tat, was Jens Wollin getan hätte: Er wurde misstrauisch. Ein Container mit angeblich tiefgefrorenem Fisch kam ihm zu leicht vor. Er ließ ihn öffnen, gegen den Rat eines Kollegen, und fand darin keine Leiche, aber zweitausend Paar gefälschte Markenturnschuhe. Der Leiter des Zollamts schüttelte Uwe, also Hessler, die Hand und sagte, so viel Instinkt habe er ihm nach sechsundzwanzig Jahren gar nicht mehr
Seitdem tauschen sie, unregelmäßig, etwa einmal im Monat. Niemand hat es je bemerkt, weder im Zollamt noch beim Fernsehen, und Uwe weiß nicht genau, ob ihn das beruhigen oder beunruhigen soll. Die Einschaltquoten von „Ostseemord“ sind gestiegen, die im Überseehafen auch. Nur die Verkäuferin beim Bäcker legt manchmal, wenn er Brötchen holt, das Franzbrötchen zurück in die Auslage, sieht ihn lange an und sagt: „Sie sind heute aber nicht Sie.“ Sie hat jedes Mal recht.
Comprehension check
0/4 answered
1. What does the comparison "ein Gesicht wie ein Formular" suggest about Uwe?
2. Why does the director praise Uwe after the first take?
3. What does Hessler find in the container?
4. Who is the only person who notices the swap?