Short story
Die Krawatte
A serious actuary from Hanover, newly transferred to Cologne, refuses to believe the warnings about Weiberfastnacht and wears his late father's silk tie to work that day.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- die Weiberfastnacht · Women's Carnival Day (Thursday before Rose Monday)
- der Aktuar · actuary
- ausgerechnet · of all (days, things)
- die Taufe · christening
- der Marienkäfer · ladybird
- fachmännisch · expert, professional
- das Bützchen · little kiss (Cologne dialect)
- die Tröte · party horn, toy trumpet
- der Stummel · stump
- wohlwollend · benevolently, kindly
- aufsticken · to embroider (onto)
- der Fühler · antenna, feeler
Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.
Henrik Lassen war im Januar von Hannover nach Köln versetzt worden, in die Konzernzentrale einer Versicherung, und man hatte ihn vor vielem gewarnt: vor dem Kölsch, das in Gläsern serviert wird, die man in Hannover für Probierportionen halten würde, vor den Kollegen, die nach zwei Tagen „du“ sagen, und vor allem vor An diesem Donnerstag vor Rosenmontag, hatte man ihm erklärt, stürmten um elf Uhr elf die Frauen die Büros und schnitten den Männern die Krawatten ab. Henrik, und von Natur aus ein Mensch, der Risiken berechnet, statt sie einzugehen, hielt das für eine Übertreibung. Er schätzte die Wahrscheinlichkeit auf unter zehn Prozent.
an diesem Donnerstag hatte er um halb zwölf seine erste Präsentation vor dem Vorstand. Er trug, wie zu allen wichtigen Anlässen seit drei Jahren, die Krawatte seines Vaters: dunkelblaue Seide mit winzigen Ankern, die der Vater, Schiffsingenieur aus Cuxhaven, zu jeder jeder Hochzeit und jeder Beerdigung getragen hatte. Henrik hatte sie ihm nicht mit ins Grab gegeben. Er hatte gedacht, der Vater hätte gesagt: „Seide ist zu schade für die Würmer.“ Der Vater hatte für alles einen Satz gehabt. Henrik hatte meistens keinen.
Um elf Uhr elf ging die Tür auf. Herein kamen eine Biene, zwei Piratinnen, eine Kuh und ein mit einer Bastelschere. Der war Carla Nowak aus dem Controlling, mit der Henrik bisher zwei Sätze gewechselt hatte, beide über Tabellenkalkulation. Bevor er etwas sagen konnte, hatte sie schon geschnitten, unterhalb des Knotens, mit einem sauberen, Schnitt. Die Biene drückte ihm ein auf die Wange, die Kuh blies in eine und dann standen alle da und warteten darauf, dass er lachte.
Er lachte nicht. Er stand da, mit dem unter dem Kinn, und sagte leise, mehr zu sich als zu den anderen: „Die war von meinem Vater.“ Die Biene hörte auf zu summen. Carla sah auf das Stück Seide in ihrer Hand, auf die kleinen Anker, und ihr Gesicht wurde unter den aufgemalten schwarzen Punkten ganz weiß. Sie sagte: „O Gott.“ Dann sagte sie es noch einmal. Dann sagte niemand mehr etwas, und von draußen hörte man jemanden „Kölle Alaaf“ rufen.
Die Präsentation hielt er mit Der Vorstandsvorsitzende, ein Kölner aus Nippes, betrachtete ihn und sagte zum Schluss: „Jetzt sind Sie angekommen, Herr Lassen.“ Henrik bedankte sich und fühlte sich, als hätte man ihm etwas amputiert. Um sechs Uhr abends, das Haus war fast leer, stand Carla an seinem Schreibtisch, ohne und ohne Punkte, mit einer Papiertüte. Darin lag die Krawattenspitze. „Meine Oma war Schneiderin in Ehrenfeld“, sagte sie. „Ich habe bei ihr nähen gelernt, bevor ich lesen konnte. Geben Sie mir den Rest. Bitte.“
Er gab ihr den Rest. Er wusste selbst nicht, warum; man vertraut seine einzige Erinnerung nicht einer Frau an, die sie gerade zerschnitten hat. Am Aschermittwoch lag die Krawatte in Seidenpapier auf seinem Schreibtisch. Die Naht war fast unsichtbar. Nur genau dort hatte Carla einen winzigen Anker ein wenig größer als die anderen, und darunter, kaum lesbar, in Rot: 11.11. Die Krawatte war jetzt drei Zentimeter kürzer. Henrik betrachtete sie lange. Er dachte, dass sein Vater, der über alles lachen konnte, über diese Geschichte sehr gelacht hätte, und dass er selbst vielleicht ein wenig zu lange nicht mehr gelacht hatte.
Im Sommer gingen sie zum ersten Mal zusammen Kölsch trinken, im Herbst zum ersten Mal ohne Kollegen. Im Januar darauf fragte Carla, ob er an nicht lieber freinehmen wolle, aus Sicherheitsgründen. Er sagte nein. Er kam an diesem Donnerstag als Matrose verkleidet ins Büro, mit Mütze und gestreiftem Hemd und mit einer Krawatte, die er am Vortag für vier Euro neunzig im Kaufhaus gekauft hatte, grün mit gelben Enten.
Um elf Uhr elf kam der Henrik hielt ihm die Enten hin. Carla schnitt, und diesmal lachten alle, auch er. Die andere Krawatte, die mit den Ankern, trug er an diesem Tag unter dem Matrosenhemd, wo niemand sie sehen konnte. Carla wusste es trotzdem. Sie gab ihm kein auf die Wange, sondern woandershin, und die Biene, die inzwischen eine Hummel war, blies vor Begeisterung in die
Comprehension check
0/4 answered
1. How does Henrik first judge the warnings about Weiberfastnacht?
2. Why is the tie so important to Henrik?
3. What does Carla do to make amends?
4. How has Henrik changed by the next Weiberfastnacht?