Short story
Grüß Gott, Herr Krawczyk
A Berlin journalist who moves to a village in the Swabian Alb discovers that greeting people there is an exact science.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- die Kehrwoche · (Swabian) rota for cleaning the shared stairs and pavement
- der Übergriff · intrusion, overstepping
- durchgehen (als) · to pass (as)
- vorbehalten · to reserve (for)
- isch (Swabian) · is (= ist)
- die Bosheit · malice
- tuscheln · to whisper, to gossip
- die Vogelscheuche · scarecrow
- etwas raushaben · to have got the hang of something
- gleichkommen · to amount to, to be equivalent to
- mustern · to look someone up and down
- überstehen · to get through, to survive
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Als ich vor einem Jahr von Berlin-Neukölln nach Unterweilach auf der Schwäbischen Alb zog, hatte ich mich auf vieles vorbereitet: auf die auf Maultaschen und auf die Tatsache, dass der letzte Bus um 18.40 Uhr fährt und am Sonntag gar keiner. Worauf ich nicht vorbereitet war, war das Grüßen. In Berlin hatte ich zwölf Jahre lang in einem Haus mit vierzig Parteien gewohnt und dabei, grob geschätzt, drei Nachbarn mit Namen gekannt. Man nickte einander im Treppenhaus zu, wenn es sich nicht vermeiden ließ, und betrachtete jedes weitere Wort als
In Unterweilach grüßt man. Man grüßt den Bäcker, die Postbotin und den Traktorfahrer, der einem auf dem Feldweg entgegenkommt, und, wie ich in der ersten Woche lernte, auch die Leute, die man gar nicht kennt, und zwar gerade die. „Grüß Gott“, sagte eine alte Frau mit Rollator, als ich am ersten Morgen zum Bäcker ging. Ich murmelte etwas, das mit viel gutem Willen als „Morgen“ konnte. Sie blieb stehen und sah mir nach, als hätte ich ihr den Rollator gestohlen.
Am Abend wusste das ganze Dorf, dass der Neue aus Berlin nicht grüßt. Ich erfuhr es von meiner Vermieterin, Frau Haug, die mir mit jener Geduld, die man sonst Kindern und Hunden die Regeln erklärte. Wer einem begegnet, wird gegrüßt. Wer zuerst grüßt, hat gewonnen. Und wer nicht zurückgrüßt, „der halt e Berliner“. Sie sagte das ohne jede so wie man feststellt, dass es regnet.
Ich beschloss, mich anzupassen, und ging, wie es meine Art ist, gründlich vor. Ich grüßte alles. Ich grüßte Radfahrer, Jogger, Autofahrer hinter getönten Scheiben, eine Kuhherde und, an einem nebligen Novembermorgen, eine Ich grüßte so eifrig, dass die Leute zu begannen, ob mit dem Neuen etwas nicht stimme. Grüßen, so lernte ich, ist auf der Alb keine Freundlichkeit, sondern eine Wissenschaft. Man grüßt nicht zu laut und nicht zu oft, und wer denselben Menschen zweimal am Tag trifft, sagt beim zweiten Mal nicht noch einmal „Grüß Gott“, sondern „So“: ein einziges Wort, das gleichzeitig „Da sind wir wieder“, „Schönes Wetter heute“ und „Ich habe Sie im Auge“ bedeutet.
Im Frühjahr hatte ich es halbwegs Ich sagte „Grüß Gott“ in der richtigen Lautstärke und „So“ im richtigen Moment, und an guten Tagen sagte der Bäcker sogar „Ah, der Herr Krawczyk“, was in Unterweilach ungefähr einer Ehrenbürgerschaft Ich war, ohne es zu merken, ein bisschen stolz geworden.
Dann fuhr ich im Mai für ein Wochenende zurück nach Berlin. Ich stieg am Hermannplatz aus der U-Bahn, die Sonne schien, und mir kam ein junger Mann mit Kopfhörern entgegen. „Grüß Gott“, sagte ich, laut, deutlich und mit einem freundlichen Nicken. Er nahm einen Kopfhörer ab, mich von oben bis unten und fragte, ob ich ihm etwas verkaufen wolle. Dann sagte er: „Alles gut bei dir, Meister?“, und ging weiter, ohne eine Antwort abzuwarten.
Ich stand eine Weile am Hermannplatz und kam mir vor wie ein Tourist in meiner eigenen Vergangenheit. Zwölf Jahre hatte ich hier gelebt, ohne je zu bemerken, wie viel Mühe es kostet, einander nicht zu sehen. Am Sonntagabend saß ich wieder im Zug Richtung Süden, und als ich am Montagmorgen zum Bäcker ging, kam mir die alte Frau mit dem Rollator entgegen. Ich war ihr seit einem Jahr fast täglich begegnet und kannte noch immer nicht ihren Namen.
„Grüß Gott“, sagte ich. „Grüß Gott“, sagte sie. Dann blieb sie stehen. „Sie waren weg.“ Es war keine Frage. „In Berlin“, sagte ich. Sie nickte langsam, als hätte ich ihr von einer schweren, aber Krankheit berichtet. „Dann sind Sie ja jetzt wieder da“, sagte sie, und nach einer Pause, die genau so lang war, wie sie sein musste: „So.“
Comprehension check
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1. What was the narrator least prepared for when he moved to the Swabian Alb?
2. What does "So" mean when you meet the same person a second time in a day?
3. How did the young man in Berlin react to the narrator's greeting?
4. What does the old woman's final "So" suggest?