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Short story

Friedland, Oktober 1955

Eleven years after her husband went missing in the war, a woman in Göttingen finds his name on the list of the last prisoners returning from the Soviet Union, and the man she now lives with drives her to meet him.

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Words to know (12)
  • ungeschehen machen · to undo
  • behutsam · gently, carefully
  • vermisst · missing (in action)
  • für tot erklären lassen · to have (someone) declared dead
  • die Baracke · hut, barracks
  • das Wellblech · corrugated iron
  • nieseln · to drizzle
  • anstimmen · to strike up (a song)
  • die Wucht · force, power
  • wattiert · padded, quilted
  • die Anklage · accusation
  • nachprüfen · to check, to verify

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Am 7. Oktober 1955 stand Werners Name in der Zeitung, auf der dritten Seite, in einer langen Liste in kleiner Schrift, zwischen einem Lindemann aus Bielefeld und einem Lingner aus Passau: Lindner, Werner, geb. 1914, Göttingen. Hanna las die Zeile beim Frühstück, während Karl neben ihr die Brote für Peter schmierte. Sie las sie dreimal. Dann faltete sie die Zeitung zusammen, so ordentlich, als ließe sich die Nachricht dadurch machen, und sagte: „Er kommt.“ Karl hörte auf zu schmieren. Er legte das Messer hin, sehr so wie man in einem Zimmer, in dem jemand schläft, etwas ablegt.

Elf Jahre. Im Sommer 1944 war Werner bei Bobruisk als gemeldet worden. 1949 war über das Rote Kreuz eine Karte gekommen, fünfundzwanzig Wörter, mehr erlaubte man nicht, aus einem Lager, dessen Namen Hanna in keinem Atlas fand. Danach nichts mehr. Sie hatte gewartet, wie alle gewartet hatten, mit dem Bild auf der Kommode und dem Rasierzeug im Badezimmerschrank. 1951 hatte sie Karl kennengelernt, den Lehrer, der Peter Nachhilfe in Mathematik gab und dessen Frau im Bombenkrieg in Kassel umgekommen war. Er war geblieben. Sie hatten nicht geheiratet. Die Nachbarn redeten darüber, und Hanna hatte nie jemandem erklärt, warum sie Werner nicht für hatte erklären lassen, auch Karl nicht. Karl hatte nie gefragt.

Am 9. Oktober fuhren sie nach Friedland. Karl fuhr, Hanna saß neben ihm, Peter blieb bei der Nachbarin; er war dreizehn und kannte seinen Vater nur von einem Foto, auf dem ein Mann in Uniform ein Baby hielt, als wäre es zerbrechlich. Das Lager lag in einem flachen Tal, mit und auf dem Platz davor drängten sich Tausende. Frauen hielten Fotos hoch, auf Pappe geklebt, mit Fragen darunter: „Wer kennt meinen Sohn? Zuletzt Stalingrad.“ Ein Mann verkaufte Würstchen. Es Karl blieb beim Wagen. „Ich warte hier“, sagte er. „Das ist nicht mein Platz.“ Hanna wollte widersprechen und tat es nicht.

Gegen Mittag kamen die Busse aus Herleshausen. Die Glocke über dem Lager begann zu läuten, und irgendwo vorne jemand „Nun danket alle Gott“ an, und die Menge sang mit, zögernd zuerst, dann mit einer die Hanna erschreckte. Die Männer, die aus den Bussen stiegen, trugen Jacken und Pelzmützen und sahen alle gleich aus, grau, mager und alt, ganz gleich, wie alt sie waren. Hanna dachte: Ich werde ihn nicht erkennen. Elf Jahre, und ich werde ihn nicht erkennen.

Sie erkannte ihn an der Art, wie er dastand: das Gewicht auf dem linken Bein, die rechte Hand in der Jackentasche, als suche er darin nach einem Schlüssel. So hatte er 1938 am Bahnhof gestanden, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Sie ging auf ihn zu. Er sah sie an, und eine Sekunde lang, eine furchtbare Sekunde, war nichts in seinem Gesicht. Dann sagte er: „Hanna.“ Nicht wie eine Frage. Wie etwas, das man sehr lange auswendig gelernt hat.

Sie standen voreinander, und keiner wusste, wohin mit den Händen. Schließlich nahm er ihre Hand, förmlich, wie in einer Tanzstunde. Er fragte nach Peter. Sie sagte, Peter sei gewachsen, er spiele Fußball, er sei gut in Mathematik. Werner nickte. Dann sah er an ihr vorbei, über den Platz, zum Parkplatz, wo ein Mann in grauem Mantel neben einem Wagen stand, rauchte und nicht herübersah, so angestrengt nicht herübersah, dass man es von Weitem erkennen konnte. Werner sah lange hin. „Du hast jemanden“, sagte er. Es war keine Hanna schwieg, und das war die Antwort.

„Ist er gut zu dem Jungen?“, fragte Werner. „Ja“, sagte Hanna. Werner nickte wieder, langsam, wie ein Mann, der eine Rechnung und feststellt, dass sie stimmt, auch wenn ihm das Ergebnis nicht gefällt. Dann sagte er, er wolle den Jungen sehen. Heute noch. Er habe elf Jahre lang an kaum etwas anderes gedacht als an das Gesicht auf dem Foto, und er wolle wissen, was daraus geworden sei. Alles andere, sagte er, werde man sehen.

Sie gingen zusammen zum Parkplatz. Als sie näher kamen, trat Karl die Zigarette aus, nahm den Hut ab und öffnete wortlos die hintere Tür. Werner sah ihn an, dann stieg er ein. Hanna setzte sich nach vorn. Auf der Fahrt nach Göttingen sprach niemand. Einmal, an einer Kreuzung, sah Hanna in den Rückspiegel, und sie sah zwei Männer, die beide geradeaus auf die Straße blickten, als sei das, was vor ihnen lag, das Einzige, worüber man sich im Augenblick Gedanken machen müsse. Vielleicht, dachte sie, war es das auch.

Comprehension check

0/4 answered

1. What does Karl's gesture with the knife suggest?

2. What does the story leave unexplained, even to Karl?

3. How does Werner realise that Hanna has a new partner?

4. How does the story end?