Short story
Die Brunnenfrage
A village in Appenzell is bitterly divided over whether to restore its cracked old fountain or replace it with a modern one, and the town clerk has to count the votes.
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Words to know (12)
- klobig · bulky, clumsy-looking
- der Trog · trough, basin
- verwittert · weathered
- entzweien · to divide, to set at odds
- der Chromstahl · (Swiss) stainless steel
- koste es, was es wolle · whatever the cost
- das Traktandum · (Swiss) item on the agenda
- der Stichentscheid · (Swiss) casting vote
- die Stimmbürgerin · (Swiss) citizen with the right to vote
- dulden · to tolerate
- das Raunen · murmur
- der Kehrichtplatz · (Swiss) rubbish dump
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Regula Zellweger war seit neunzehn Jahren Gemeindeschreiberin von Hinterwies, einem Dorf im Appenzellerland mit 812 Einwohnern, elf Bauernhöfen, einer Käserei und einem Brunnen. Der Brunnen stand mitten auf dem Dorfplatz, ein aus grauem Sandstein, auf dem in Ziffern die Jahreszahl 1871 zu lesen war. Seit dem letzten Winter zog sich ein Riss quer durch den und an trockenen Tagen verlor er mehr Wasser, als er fasste. Dass etwas geschehen musste, darin waren sich alle einig. Worüber man sich nicht einig war, das hatte das Dorf in den vergangenen sechs Monaten gründlicher als jeder Erbstreit.
Der Gemeinderat hatte vorgeschlagen, den alten zu ersetzen. Eine junge Künstlerin aus Zürich hatte einen Entwurf geliefert: eine schlanke Schale aus gebürstetem über die das Wasser in einem dünnen, glänzenden Schleier lief. Kostenpunkt: 180 000 Franken, die Hälfte davon vom Kanton bezahlt. Die Gegner, angeführt vom pensionierten Lehrer Ernst Fässler, sprachen von einem „Zürcher Raumschiff“ und verlangten, den alten Brunnen zu restaurieren, es, was es Leserbriefe wurden geschrieben, Freundschaften gekündigt, und in der Käserei soll ein Bauer einem anderen wegen der Brunnenfrage keinen Käse mehr verkauft haben.
An einem Freitagabend im März kam das endlich vor die Gemeindeversammlung. Die Turnhalle war so voll wie zuletzt bei der Abstimmung über die Umfahrungsstraße. Der Gemeindepräsident las den Antrag vor, Fässler hielt eine Rede, in der die Wörter „Heimat“ und „Respekt“ je elfmal vorkamen, und die Künstlerin, die eigens aus Zürich angereist war, zeigte Bilder ihres Entwurfs, die im Saal ein Gemurmel auslösten, das man mit viel Wohlwollen als Interesse deuten konnte.
Dann wurde abgestimmt, wie in Hinterwies seit jeher abgestimmt wird: mit erhobener Hand. Regula zählte. Sie zählte ein zweites Mal, und weil das Ergebnis dasselbe blieb, ein drittes. Dreiundsechzig für den neuen Brunnen, dreiundsechzig dagegen. Im Saal wurde es so still, dass man das Summen der Neonröhren hörte. Gleichstand. In neunzehn Jahren hatte sie das nicht erlebt. Nach dem Reglement hätte nun der Gemeindepräsident den fällen müssen, und Regula sah ihm an, dass er lieber barfuß über den Säntis gegangen wäre. Wie auch immer er entschied, mit der anderen Hälfte des Dorfes würde er noch in zwanzig Jahren keinen Kaffee trinken.
In diesem Augenblick ging die Tür der Turnhalle auf. Herein kam, von ihrem Urenkel im Rollstuhl geschoben, Frau Anna Bänziger, mit dreiundneunzig Jahren die älteste der Gemeinde. Sie trug ihre Sonntagstracht und einen Gesichtsausdruck, der keinen Widerspruch „Ich bin zu spät, ich weiß“, sagte sie. „Der Bus. Ist schon abgestimmt?“ Der Gemeindepräsident blickte hilfesuchend zu Regula. Regula blickte ins Reglement. Eine Abstimmung, stand dort, gelte erst als abgeschlossen, wenn der Vorsitzende das Ergebnis verkündet habe. Verkündet hatte er noch nichts.
Ein ging durch den Saal, und jeder wusste, was alle dachten. Anna Bänziger hatte ihr ganzes Leben am Dorfplatz gewohnt. Sie hatte als Kind aus diesem Brunnen getrunken, als junge Frau an ihm die Wäsche gespült, und es hieß, ihr verstorbener Mann habe ihr an seinem Rand den Heiratsantrag gemacht. Fässler lächelte bereits. Er war seiner Sache so sicher, dass er schon halb aufgestanden war, um ihr die Hand zu schütteln.
Frau Bänziger ließ sich die Bilder des Entwurfs zeigen, lange und schweigend. Dann hob sie die Hand. „Für den neuen“, sagte sie. Fässler setzte sich wieder hin, sehr langsam. „Frau Bänziger“, sagte er, „das ist doch Ihr Brunnen. Ihr Mann hat Ihnen doch dort ...“ „Achtzig Jahre lang habe ich auf diesen Brunnen geschaut“, unterbrach sie ihn. „Ich kenne jeden Stein. Mein Mann hat mir dort einen Antrag gemacht, das stimmt, und er ist dabei ins Wasser gefallen, das erzählt nur niemand. Ich möchte, bevor ich sterbe, noch einmal etwas Neues auf diesem Platz sehen. Etwas, das ich nicht schon auswendig kenne.“
Regula trug das Ergebnis, vierundsechzig zu dreiundsechzig, in ihrer saubersten Schrift ins Protokoll ein. Den alten so beschloss der Gemeinderat eine Woche später, um wenigstens den Frieden zu retten, brachte man nicht auf den sondern stellte ihn vor das Altersheim, wo er seither als Blumenbeet dient. Frau Bänziger, die dort wohnt, gießt ihn jeden Morgen. Sie behauptet, das tue sie nur, weil sonst niemand daran denke.
Comprehension check
0/4 answered
1. Why did something have to be done about the fountain?
2. What was the result of the show of hands?
3. Why was Fässler sure that Frau Bänziger would vote with him?
4. Why does Frau Bänziger vote for the new fountain?