Short story
Die Elster und die Wahrheit
A fable from the floodplain forest on the Elbe: a magpie discovers that nothing glitters quite like a piece of news.
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Words to know (12)
- der Auwald · floodplain forest
- der Kronkorken · bottle cap
- gebannt · spellbound
- kein Halten mehr geben · there being no stopping (someone)
- stauen · to dam (up)
- hohl · hollow
- das Gefieder · plumage, feathers
- horten · to hoard
- spähen · to peer, to spy
- zischen · to hiss
- die Lichtung · clearing (in a forest)
- stieben · to scatter, to fly apart
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Im an der Elbe, nicht weit von Wittenberge, lebte eine Elster namens Agathe, die alles sammelte, was glänzte: Alufolie, einmal sogar einen Ehering, dessen Verlust einem Angler aus Perleberg eine ernste Ehekrise eingebracht hatte. Doch eines Frühlings machte Agathe eine Entdeckung, die ihr Leben veränderte. Nichts, so stellte sie fest, glänzte so sehr wie eine Neuigkeit.
Es begann harmlos. Sie flog von Baum zu Baum und berichtete, was sie gesehen hatte: dass der Biber einen neuen Damm baue, dass beim Wildschwein Nachwuchs angekommen sei. Die Tiere hörten höflich zu und gingen wieder ihrer Wege. Dann, an einem regnerischen Dienstag, sah Agathe den Fuchs mit einem toten Hasen im Maul. „Der Fuchs hat einen Hasen gefressen“, meldete sie. Das war wahr, aber nicht neu; Füchse taten das seit jeher. Also verbesserte sie die Meldung ein wenig: „Der Fuchs plant, alle Hasen zu fressen. Alle!“ Noch nie hatte man ihr so zugehört.
Von da an gab es kein mehr. Agathe gründete, wenn man das so nennen will, den „Auwaldboten“, der dreimal täglich erschien, nämlich immer dann, wenn sie Hunger auf Aufmerksamkeit hatte. Der Biber, hieß es dort, heimlich das Wasser, um die Mäuse zu ertränken. Die Störche seien gar nicht aus dem Süden zurückgekehrt, sondern nie weg gewesen. Ob irgendetwas davon stimmte, interessierte bald niemanden mehr. Es glänzte, und das genügte.
Nur die alte Uhu-Dame Hildegard, die seit dreißig Jahren in einer Pappel wohnte, schüttelte den Kopf, soweit ein Uhu das kann. Sie wusste mehr über den Wald als alle anderen zusammen, aber ihr Wissen hatte einen entscheidenden Nachteil: Es brauchte Zeit, und es war meistens langweilig. „Die Biber das Wasser, weil sie Biber sind“, sagte sie, wenn man sie fragte. Man fragte sie immer seltener.
Wer die neue Lage am schnellsten begriff, war natürlich der Fuchs. Er suchte Agathe auf, lobte ihren Mut, ihre Unabhängigkeit und ihr schönes und versorgte sie fortan mit Hinweisen „aus gut unterrichteten Kreisen“. So erfuhr der Wald, dass Hildegard Mäusevorräte dass sie nachts in die Nester der Singvögel und überhaupt nicht von hier sei. Bald grüßte niemand mehr die alte Eule. Die Amseln wenn sie vorbeiflog.
Im Herbst lieferte der Fuchs seine wichtigste Meldung. Die Uhu-Dame, flüsterte er, plane in der Nacht zum Sonntag einen Großangriff auf die Hecken. Zur Sicherheit sollten sich alle Hasen um Mitternacht auf der großen versammeln, wo man sie besser schützen könne. Agathe verbreitete es noch vor dem Frühstück. Es war ihre größte Geschichte; sie glänzte wie nichts zuvor.
Um Mitternacht saßen dreiundzwanzig Hasen zitternd im Mondlicht auf der Agathe hockte auf einem Ast darüber, denn sie wollte dabei sein, wenn ihre Geschichte Wirklichkeit wurde. Da sah sie, wie sich im Gebüsch am Rand der etwas Rotes bewegte, und noch etwas, und noch etwas: Der Fuchs hatte seine Brüder mitgebracht. Und zum ersten Mal seit Monaten verstand Agathe eine Geschichte, bevor sie sie erzählte.
Sie schrie, so laut eine Elster nur schreien kann: „Füchse im Gebüsch! Drei Stück! Lauft!“ Es war die Wahrheit, und zum Glück war sie mindestens so aufregend wie eine Lüge. Die Hasen in alle Richtungen davon, und die Füchse gingen hungrig nach Hause. Seitdem hat Agathe nie wieder etwas erfunden. Sie meldet nur noch, was sie sieht: Biberdämme, Wildschweinnachwuchs, das Wetter. Es hört ihr kaum noch jemand zu. Die Uhu-Dame Hildegard aber, die man inzwischen wieder grüßt, meint, das sei der sicherste Beweis dafür, dass Agathe jetzt die Wahrheit sage.
Comprehension check
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1. What discovery changed Agathe's life?
2. Why did the animals ask Hildegard less and less?
3. What was the fox's real aim with his "most important report"?
4. What does Hildegard conclude at the end?