Short story
Die Souffleuse
On the last night of her career, a prompter in a Graz theatre who has stayed invisible for forty-one years is suddenly the centre of attention.
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Words to know (12)
- der Souffleurkasten · prompter's box (in front of a stage)
- jemandem graut vor etwas · to dread something
- die Gruft · crypt, tomb (here a joke about the prompter's box)
- für den Fall der Fälle · just in case
- das Stichwort · cue (in the theatre)
- sich nichts anmerken lassen · not to let anything show
- abdrehen (österr.) · to switch off (Austrian; here dialect "drah ... ab")
- net (österr.) · not (Austrian colloquial for "nicht")
- das Raunen · murmur
- jemanden vorführen · to make a fool of someone in public
- die Peinlichkeit · embarrassment
- eingeweiht sein · to be in on it, to know the secret
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Einundvierzig Jahre lang hatte Hermine Stadlober in einem Kasten gesessen, der kaum größer war als ein Kleiderschrank: im eines Grazer Theaters, halb unter der Bühne versteckt, den Kopf knapp über den Brettern, das Textbuch auf den Knien. Kein Zuschauer hatte je ihr Gesicht gesehen, und genau darin lag, wie sie fand, die eigentliche Würde ihres Berufs. Eine gute Souffleuse, hatte ihr Vorgänger ihr am ersten Tag erklärt, sei wie ein Schutzengel: Man bemerke sie erst, wenn sie fehle.
Heute war ihr letzter Abend. Man spielte, wie schon bei ihrem Anfang im Jahr 1983, ein altes steirisches Volksstück, und für nach der Vorstellung hatte der Intendant in der Kantine eine kleine Feier angekündigt, mit Sekt, Blumen und, Gott bewahre, einer Rede. Hermine davor. Reden waren Texte, bei denen einem niemand helfen durfte. „Na, Frau Stadlober, heut' zum letzten Mal in der fragte der Bühnenmeister im Gang und grinste. „Passen S' auf, dass wir Sie da drunten nicht vergessen.“ Sie lächelte höflich. Vergessen zu werden war schließlich die Kunst, die sie ein Leben lang geübt hatte.
Den Hauptdarsteller, Konstantin Aigner, kannte ganz Graz aus dem Fernsehen, und er ließ keine Gelegenheit aus, in Interviews zu erzählen, dass er in zwanzig Jahren kein einziges Mal eine Souffleuse gebraucht habe. Tatsächlich hatte er nie auch nur in ihre Richtung geschaut. Ein Schauspieler, der den Kasten ignorierte, das war wie ein Seiltänzer, der auf das Netz spuckte. Bitte sehr, sollte er doch. Sie hatte trotzdem jeden Abend für ihn mitgelesen, Wort für Wort, für den Fall der Man wusste nie. Auch Sterne fielen manchmal vom Himmel, und meistens im dritten Akt.
Die Vorstellung lief wie ein gut geöltes Uhrwerk. Zweimal flüsterte Hermine einem jungen Kollegen ein zu, das er dankbar auffing, ohne sich etwas zu lassen. Dann kam die Schlussszene. Aigner, als alter Bauer, saß allein am Küchentisch, der Hof verkauft, die Kinder fort. Er hatte nur noch einen Satz zu sagen, den letzten des Stücks. Er stand langsam auf, öffnete den Mund und schwieg.
Das Publikum hielt den Atem an; es hielt die Stille für Kunst. Hermine aber kannte diese Art von Stille. Sie beugte sich vor und flüsterte, klar und deutlich: „Und jetzt ma's Licht ab, es is eh schon spät.“ Nichts. Aigner rührte sich nicht. Sie wiederholte den Satz, lauter diesmal, so laut, wie sie es in einundvierzig Jahren nie gewagt hatte. Da drehte sich der große Konstantin Aigner um, blickte zum ersten Mal direkt in ihren Kasten und sagte, gut hörbar bis in die letzte Reihe: „Wie bitte, Frau Stadlober? I hab Sie leider verstanden.“
Ein ging durch den Saal, dann vereinzeltes Lachen. Sechshundert Köpfe wandten sich dem kleinen, muschelförmigen Kasten an der Rampe zu. Hermine spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Was bildete sich dieser Mensch ein? Wollte er sie zum Abschied vor allen Leuten, nach all den Jahren? Am liebsten hätte sie das Buch zugeklappt und wäre verschwunden, wie sie es immer getan hatte. Aber es gab nur einen Ausweg, und der führte mitten durch die hindurch. Sie richtete sich auf, so weit es der Kasten zuließ, und sprach den Satz laut in den Saal: „Und jetzt ma's Licht ab, es is eh schon spät.“
Im selben Augenblick ging das Licht aus. In der Dunkelheit brach ein Applaus los, wie sie ihn selten gehört hatte. Als die Scheinwerfer wieder angingen, stand das ganze Ensemble an der Rampe, und zwei Techniker zogen sie, ehe sie protestieren konnte, an den Händen aus ihrem Loch auf die Bühne. Aigner drückte ihr einen riesigen Strauß in die Arme. „Einundvierzig Jahre haben Sie uns die Sätze geschenkt“, sagte er leise, nur für sie. „Den letzten wollten wir Ihnen lassen. Der Beleuchter war der Intendant auch. Nur Sie
Später, in der Kantine, klopfte der Intendant an sein Glas und bat sie um ein paar Worte. Hermine schüttelte den Kopf und hob ihren Sekt. „Ich hab heute schon meinen Text gehabt“, sagte sie. „Und ausnahmsweise hat ihn jeder gehört.“
Comprehension check
0/4 answered
1. What did Hermine's predecessor say about a good prompter?
2. What did Konstantin Aigner like to tell interviewers?
3. Why did Aigner stay silent before the last line?
4. Why does Hermine refuse to give a speech in the canteen?