Short story
Lob der Warteschlange
A Cologne columnist writes an ironic tribute to the hours he spent in the waiting room of the citizens' office, just as the city abolishes it.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- die Demut · humility
- der Geduldsfaden · patience (literally "thread of patience")
- die Gemächlichkeit · leisureliness, slowness
- die Hebamme · midwife
- der Aufruf · being called (your number)
- egalitär · egalitarian
- der Sonntagsredner · maker of high-minded speeches without consequences
- der Stammgast · regular (customer)
- der Kahlschlag · clear-cutting; here: wholesale destruction
- seinesgleichen · one's own kind
- die Beglaubigung · official certification (of a document)
- der Rückzugsort · refuge, retreat
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Es gibt Orte, an denen der Mensch noch zu sich selbst findet, und ich spreche nicht von Klöstern, Almhütten oder Schweigeseminaren im Allgäu. Ich spreche vom Wartebereich eines Kölner Bürgeramts, Zimmer 0.14: Nummer ziehen, Platz nehmen, Ruhe bewahren. Wer dort einmal drei Stunden auf eine neue Meldebescheinigung gewartet hat, der weiß, was ist.
Ich gebe zu, anfangs habe ich gelitten. Ich kam mit Laptop, Termindruck und dem festen Vorsatz, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Nach zwanzig Minuten war der Akku leer, nach vierzig mein Auf der Anzeigetafel leuchtete die B 217, ich hielt die B 342 in der Hand, und die Zahlen bewegten sich mit der eines Gletschers, der es sich anders überlegt hat. Gelegentlich sprang die Anzeige ohne erkennbaren Grund auf A 12, woraufhin ein älterer Herr triumphierend aufstand, als hätte er im Lotto gewonnen.
Doch irgendwann, ich kann den Moment nicht genau bestimmen, geschah etwas mit mir. Ich hörte auf, auf die Uhr zu sehen, und fing an, die Menschen anzusehen. Neben mir saß eine aus Nippes, die ihren Personalausweis verloren hatte und mir in einer Stunde mehr über das Leben erzählte als mein Therapeut in einem Jahr. Gegenüber strickte eine Studentin einen Schal, der bei meiner Ankunft eine Handbreit lang war und bei meinem beinahe bis zum Boden reichte. Ein Herr im Trenchcoat kämpfte mit einem Formular, das offenbar in einer Geheimsprache verfasst war, und bat den ganzen Raum um Rat bei der Frage, ob ein Hausboot als Wohnung gelte. Der ganze Raum beriet sich. Es war, wenn man so will, Demokratie in ihrer reinsten Form.
Die Warteschlange, so lernte ich, ist die letzte wahrhaft Einrichtung unserer Gesellschaft. Hier gibt es keine Lounge für Vielflieger, keinen Expressschalter, kein Upgrade gegen Aufpreis. Der Zahnarzt wartet neben dem Paketboten, die Influencerin neben dem Rentner, und alle haben dieselbe Nummer aus demselben grauen Automaten gezogen. Vor der Anzeigetafel sind wir alle gleich, und ich wage zu behaupten, dass dieser Gedanke mehr für den sozialen Frieden leistet als mancher
Ich wurde Ich meldete mich um, meldete mich zurück und beantragte einen Anwohnerparkausweis, obwohl ich kein Auto besitze. Ich brachte Thermoskannen mit Kaffee mit und verteilte Kekse. Die und ich verabredeten uns, ganz selbstverständlich, „bei der B-Reihe“. Man grüßte sich, man kannte sich. Als die Studentin ihren Schal fertig hatte, gab es Applaus, und eine Sachbearbeiterin steckte den Kopf aus Zimmer 0.14, um nachzusehen, was los sei.
Und nun das. Seit dem ersten März vergibt die Stadt ihre Termine ausschließlich online. Man klickt sich in einen Kalender, wählt ein Zeitfenster von zwölf Minuten und wird pünktlich aufgerufen, ohne Wartezeit, ohne Nummer, ohne Gesellschaft. Die Pressestelle spricht von einem „Meilenstein der Bürgerfreundlichkeit“. Ich spreche von einem Gestern war ich dort, um meinen neuen Ausweis abzuholen. Ich war um 9.12 Uhr bestellt und um 9.14 Uhr wieder draußen. Der Wartebereich war leer, die Stühle standen da wie nach einer Beerdigung.
Man wird mir vorwerfen, ich sei ein Nostalgiker, ein Feind des Fortschritts, einer, der sich auch das Faxgerät zurückwünscht. Mag sein. Aber ich frage: Wo sollen wir uns jetzt begegnen? Im Internet, wo jeder nur trifft? Die hat mir übrigens eine Nachricht geschickt. Sie hat online einen Termin für eine gebucht, die sie gar nicht braucht, Donnerstag um zehn, und schlägt vor, dass wir uns vorher auf einen Kaffee treffen. Treffpunkt: die Schlange beim Bäcker gegenüber. Ein paar bleiben uns eben doch.
Comprehension check
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1. How did the columnist feel during his first visits?
2. Why does he call the queue an egalitarian institution?
3. What changed on the first of March?
4. Where does the midwife suggest they meet?