Short story
Dr Spitzbueb
Every year during the Basel carnival, Lea's strict banker father disappears to the mountains, and an anonymous masked singer mocks the city's bankers.
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Words to know (12)
- die Fasnacht (schweiz.) · carnival (in Basel)
- der Morgestraich (schweiz.) · the 4 a.m. opening parade of the Basel carnival
- die Schnitzelbank (schweiz.) · satirical carnival song performed in pubs (or its performers)
- die Larve (schweiz.) · carnival mask
- die Beiz (schweiz.) · pub, bar
- munkeln · to whisper, to rumour
- die Unterstellung · insinuation, (false) accusation
- das Spital (schweiz., österr.) · hospital
- der Estrich (schweiz.) · attic
- penibel · meticulous, fussy
- gedenken, etwas zu tun · to intend to do something (formal)
- toben · to go wild, to rage
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In Lea Gysins Kindheit gab es drei Tage im Jahr, an denen ihr Vater nicht da war, und es waren ausgerechnet die drei Tage, an denen ganz Basel verrücktspielte. Wenn um vier Uhr morgens beim die Lichter in der Innenstadt erloschen und die Trommeln einsetzten, saß Peter Gysin, Direktor einer kleinen, sehr diskreten Privatbank, angeblich längst in einem Hotel im Engadin. „Die sagte er, „ist ein Lärm, für den man sich drei Tage freinimmt, um ihn danach ein Jahr lang zu bereuen.“ Lea ging mit ihren Freundinnen hin und hatte, um ehrlich zu sein, nichts dagegen, dass er fehlte.
Besonders liebte sie die Gruppen oder Einzelne, die mit vor dem Gesicht durch die zogen, ein bemaltes Bild hochhielten und dazu boshafte Verse über die Ereignisse des Jahres sangen. Der berühmteste von allen trat allein auf und nannte sich „Dr Spitzbueb“. Niemand wusste, wer unter seiner steckte, einer langnasigen, grinsenden Figur mit Zylinder. Seine Verse über Banker waren so genau, so gemein und so treffend, dass in der Stadt wurde, er müsse selbst einmal am Zürcher Paradeplatz gearbeitet haben, was für einen Basler die schlimmste aller denkbaren war.
Im Februar, zwei Wochen vor der stürzte ihr Vater auf der vereisten Treppe vor seinem Haus und brach sich die Hüfte. Lea, inzwischen selbst über vierzig, fuhr zu ihm, um ein paar Sachen für das zu holen: Pyjama, Lesebrille, die Zeitung aus Zürich, die er nur las, um sich darüber zu ärgern. Im Schrank auf dem hinter den Winterreifen, fand sie eine Hutschachtel. Darin lagen ein schwarzer Zylinder, eine mit langer Nase und ein zusammengerolltes Bild, auf dem ein Bankier in Badehose auf einem Geldsack den Rhein hinunterschwamm.
Es dauerte eine Weile, bis sie begriff. Dann setzte sie sich zwischen alten Steuerordnern auf den Boden und lachte, bis ihr die Tränen kamen. Das Engadin. Dreißig Jahre lang das Engadin! In der Schachtel lagen auch Notizen in seiner Handschrift, die Verse für dieses Jahr, säuberlich nummeriert, mit Korrekturen in Rot, als handle es sich um einen Quartalsbericht.
Im lag ihr Vater blass und gereizt im Bett und beschwerte sich über das Essen. Lea stellte die Hutschachtel auf die Bettdecke. Er sah sie lange an, dann schaute er aus dem Fenster, Richtung Rhein. „Deine Mutter hat es gewusst“, sagte er schließlich. „Vom ersten Jahr an. Sie hat mir die ausgesucht.“ Er habe vierzig Jahre lang tagsüber fremdes Geld verwalten und dazu freundlich lächeln müssen. „Irgendwo musste das ja hin.“
Dann tat er etwas, das er noch nie getan hatte: Er bat sie um einen Gefallen. Dr Spitzbueb habe in dreißig Jahren keine einzige verpasst, und er nicht, wegen einer Hüfte damit anzufangen. Lea protestierte. Sie könne nicht singen, sie kenne die nicht, sie sei Primarlehrerin, um Himmels willen. „Eben“, sagte ihr Vater. „Du kannst vor Leuten stehen, die dir nicht zuhören wollen. Mehr ist es nicht.“
Am Montagabend stand sie mit Zylinder und in einer überfüllten am Spalenberg, das Bild hoch über dem Kopf, und sang mit zittriger Stimme Vers um Vers. Das Lokal Den letzten Vers hatte ihr Vater erst im geschrieben, mit Bleistift, auf die Rückseite der Menükarte. Aus dem Baseldeutschen übertragen, lautet er so: „Ein Bankdirektor, streng und grau, / fährt jedes Jahr ins Engadin, genau. / Drei Tage Ruhe, Schnee und Wein – / so sagt er's jedenfalls daheim.“
Die Leute lachten, ohne recht zu wissen, worüber. Nur eine Person lachte wirklich: der Mann am anderen Ende der Leitung, der über das Handy in Leas Kostümtasche alles mitgehört hatte. Als sie draußen in der kalten Gasse die abnahm, war er noch immer dran. „Zu langsam im zweiten Vers“, sagte er. „Aber sonst nicht schlecht. Nächstes Jahr fahre ich wieder ins Engadin.“
Comprehension check
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1. Where did Lea's father claim to spend the three days of carnival?
2. What did Lea find in the attic?
3. Why, according to her father, did he write the verses?
4. Why did the last verse mean more to Lea and her father than to the audience?