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Short story

Niedrigwasser

On one of his last tours across the mudflats from Cuxhaven to the island of Neuwerk, an old guide is lectured by an eleven-year-old with a tide app, until a sea fog rolls in.

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Words to know (12)
  • das Watt · mudflats (of the North Sea)
  • der Schlick · silt, mud
  • der Priel · tidal channel in the mudflats
  • der Pegel · tide gauge, water level
  • das Anschauungsmaterial · teaching aid, illustrative material
  • die Niederlage · defeat
  • zücken · to whip out, pull out
  • spinnen · (coll.) to go haywire, be crazy
  • die Pricke · birch-branch marker on the mudflats
  • mühsam · laborious
  • das Geschirr · harness (of a horse)
  • abgegriffen · dog-eared, well-worn

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Jens Ohlsen führte seit einunddreißig Jahren Gruppen durchs von Duhnen hinüber nach Neuwerk, zwölf Kilometer und Himmel, und er hatte in dieser Zeit eine verlässliche Typologie der Menschheit entwickelt. Es gab die, die zu schnell gingen, und die, die zu viel fotografierten. Es gab die, die barfuß gehen wollten und nach zwei Kilometern Muschelschalen ihre Meinung änderten. Und seit einigen Jahren gab es die mit den Apps.

Mattis war elf, kam aus Hannover und hatte eine. Schon am Treffpunkt hielt er Jens sein Telefon unter die Nase: Niedrigwasser um 11 Uhr 52, sagte die App, Jens habe auf seinem Zettel 12 Uhr 10 stehen, das sei falsch. Jens betrachtete den Bildschirm, dann den Jungen, dann den Horizont. Die App rechne mit dem von Helgoland, sagte er, und Helgoland liege leider nicht auf dem Weg. Mattis' Mutter lachte entschuldigend. Mattis lachte nicht. Er hatte, das sah man ihm an, beschlossen, Jens im Auge zu behalten.

Die ersten Kilometer verliefen, wie sie immer verliefen. Jens zeigte Wattwürmer und ihre Kringel, Herzmuscheln, eine Strandkrabbe, die sich mit erhobenen Scheren weigerte, als zu dienen. Mattis kommentierte. Die Strandkrabbe heiße eigentlich Carcinus maenas. Der vor ihnen sei laut Satellitenbild vierzig Meter breit, nicht dreißig. Jens ließ ihn reden. Einunddreißig Jahre, dachte er, und nun also das: ein Kind, das das besser kannte als er, ohne es je betreten zu haben. Vielleicht war es Zeit. Im Herbst würde er aufhören, das hatte er seiner Frau versprochen, und zum ersten Mal kam ihm dieses Versprechen nicht wie eine vor.

Der Nebel kam bei Kilometer sieben, so wie er an der Nordsee kommt: nicht als Wetter, sondern als Entscheidung. Eben hatte man noch den Leuchtturm von Neuwerk gesehen, grau und tröstlich am Horizont, und dann war da nichts mehr als ein milchiges Weiß, in dem die eigene Hand fremd aussah. Die Gruppe drängte sich zusammen. Irgendjemand fragte, wie weit es noch sei. Irgendjemand anders das Telefon, und dann alle ihre Telefone, als könne man den Nebel wegwischen.

Mattis' App zeigte einen blauen Punkt auf einer gelben Fläche. Der Punkt bewegte sich, wenn Mattis sich bewegte, und er bewegte sich auch, wenn Mattis stillstand, mal zehn Meter nach links, mal zwanzig nach rechts. „Das GPS sagte der Junge, und zum ersten Mal an diesem Tag klang seine Stimme so, wie Stimmen von Elfjährigen klingen sollten. Jens nickte. Hier draußen, sagte er, alles irgendwann. Man müsse nur wissen, was nicht

Was nicht waren die dünne Birkenstämmchen, die in Abständen von fünfzig Metern im steckten und den Weg markierten, seit es diesen Weg gab. Bei diesem Nebel sah man immer nur eine. Jens stellte die Gruppe in eine Reihe, jeder mit einer Hand auf der Schulter des Vordermannes, und ging voraus, bis die nächste aus dem Weiß auftauchte. Dann rief er, die Reihe kam nach, und er ging weiter. Es war langsam, es war und es war, das wusste er, vollkommen sicher, solange niemand die Nerven verlor.

Bei der dritten blieb Mattis neben ihm stehen. „Warte“, sagte er. „Hör mal.“ Jens hörte nichts außer dem Schmatzen der Gummistiefel. Dann hörte er es doch: Glocken, ganz leise, von irgendwo links. Die Wattwagen. Die Pferdefuhrwerke, die bei jedem Niedrigwasser zwischen Duhnen und Neuwerk verkehrten und deren Pferde, wie jedermann wusste, Glöckchen am trugen. Wenn man die Glocken hörte, war man fast da. Jens hätte sie ebenfalls gehört, gewiss, in ein paar Minuten. Aber der Junge hatte sie zuerst gehört.

Sie erreichten Neuwerk eine halbe Stunde später als geplant, nass bis zu den Knien, mit roten Gesichtern und dem albernen Stolz von Leuten, die ein Abenteuer überlebt haben, das keines war. Im Inselgarten, beim Tee, setzte sich Mattis neben Jens. Er habe nachgerechnet, sagte er. Das Niedrigwasser sei tatsächlich um 12 Uhr 10 gewesen. Jens nickte und trank seinen Tee. Dann zog er aus der Innentasche seiner Jacke ein Heft mit handgeschriebenen Gezeitentabellen, einunddreißig Jahre Bleistift, und schob es dem Jungen über den Tisch. „Für den Fall“, sagte er, „dass der Akku mal leer ist.“

Comprehension check

0/4 answered

1. Why, according to Jens, is Mattis's app wrong about low tide?

2. How does Jens feel about his promise to stop in the autumn, during the walk?

3. How does Jens lead the group through the fog?

4. What does Jens give Mattis at the end?