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Short story

Rezepte eines Toten

A young pharmacist who has just taken over an old pharmacy in Halle is handed a prescription signed by a doctor who died nineteen years ago.

Tap a dotted word for its meaning.

Words to know (12)
  • der Tresen · counter
  • stechen (Karten) · to win the trick (in cards)
  • verordnen · to prescribe
  • vorsorgen · to make provisions
  • die Zulassung · licence (to practise)
  • einlösen · to hand in, to have dispensed (a prescription)
  • vergilbt · yellowed
  • zäh · tough
  • die Anordnung · order, instruction
  • zittrig · shaky
  • entziffern · to decipher
  • der Bienenstich · a cake with a honey-almond topping and cream filling

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Johanna Albers hatte die Löwen-Apotheke in der Altstadt von Halle im Frühjahr übernommen, zusammen mit einer Schublade voller Rätsel. Ihr Vorgänger Werner Pohle war mit achtundsiebzig in den Ruhestand gegangen, nach mehr als fünfzig Jahren hinter demselben aus Eichenholz, und hatte ihr bei der Übergabe einen Schlüsselbund, einen Kater namens Hufeland und einen Satz mit auf den Weg gegeben, den sie damals nicht verstand: „Frau Riedel kriegt, was draufsteht.“

Frau Riedel kam an einem Dienstag im Mai. Sie war klein und sehr aufrecht, trug trotz der Wärme einen Hut und legte ein Rezept auf den so wie man eine Spielkarte ausspielt, von der man weiß, dass sie Johanna las. Ausgestellt von Dr. med. Kurt Riedel, Facharzt für Innere Medizin. Pfefferminztee, eine Packung. Baldriandragees, eine Packung. Darunter, in derselben schrägen Handschrift: „Eine Viertelstunde Gespräch.“ Johanna sah auf. „Ihr Mann?“ „Mein Mann“, sagte Frau Riedel. „Er ist seit neunzehn Jahren tot. Aber er hat sehr gründlich

Johanna wusste, was sie zu tun hatte. Das Rezept eines verstorbenen Arztes war ungültig, das hatte sie im ersten Semester gelernt, und eine Apothekerin, die ungültige Rezepte riskierte ihre Andererseits verlangte Frau Riedel nichts, wofür man überhaupt ein Rezept gebraucht hätte. Tee. Baldrian. Ein Gespräch. Johanna gab ihr den Tee und den Baldrian, nahm kein Geld, weil Frau Riedel keines anbot, und redete eine Viertelstunde lang mit ihr über das Wetter, die Saale und den Kater. Als die alte Dame gegangen war, rief sie Pohle an.

„Ach, die Frau Riedel“, sagte Pohle, und seine Stimme wurde weich. „Sie kommt also noch. Gut.“ Mehr wollte er am Telefon nicht sagen. Er sagte nur, in der untersten Schublade links liege ein Umschlag, den sie lesen solle, wenn sie es für nötig halte. Johanna hielt es für nötig. Sie fand den Umschlag unter alten Preislisten, an „Werner“ adressiert und auf Februar 2005 datiert.

„Lieber Werner“, schrieb Dr. Riedel, „wenn Du das liest, bin ich tot, und Elfriede wird meine Rezeptblöcke gefunden haben. Sie findet alles. Sie wird nicht krank werden, sie ist als wir beide zusammen. Sie wird nur allein sein, und sie wird es niemandem sagen, weil sie zu stolz dazu ist. Ein Rezept aber wird sie denn ein Rezept ist keine Bitte, sondern eine Gib ihr, was draufsteht. Schick mir die Rechnung, wohin auch immer. Dein Kurt.“

Johanna las den Brief zweimal. Dann verstand sie die Schublade. Darin lagen, säuberlich gebündelt, Hunderte von Rezepten aus neunzehn Jahren, alle in derselben Handschrift, die, wie ihr nun auffiel, mit den Jahren immer geworden war, als wäre auch der Arzt in seinem Grab älter geworden. „Zwei Stück „Ein Spaziergang zur Peißnitzinsel, in Begleitung.“ „Eine Stunde Vorlesen, Fontane, nicht die Gedichte.“ Neben jedem stand in Pohles winziger Schrift ein Haken.

Frau Riedel kam von da an jeden Dienstag. Johanna stellte fest, dass sie sich darauf freute und dass sie die Rezepte, deren Handschrift ihr bald so vertraut war, genau betrachtete, nicht auf ihre Gültigkeit hin, sondern auf ihre Schrift. Sie erwähnte nie, was sie wusste. Frau Riedel erwähnte nie, dass sie es ahnte. So vergingen der Sommer und der Herbst.

Im Dezember legte Frau Riedel ein Rezept auf den auf dem keine Arznei stand. Die Schrift war so dass Johanna lange brauchte, um sie zu „Gesellschaft, täglich. Bis auf Weiteres.“ Johanna sah die alte Dame an, und die alte Dame hielt ihrem Blick ohne zu blinzeln stand, wie jemand, der seine letzte Karte ausspielt. Dann drehte Johanna das Schild an der Tür auf „Mittagspause“, obwohl es erst halb elf war, und setzte Wasser für den Pfefferminztee auf.

Comprehension check

0/4 answered

1. What did Johanna's predecessor tell her about Frau Riedel?

2. Why should Johanna, strictly speaking, refuse the prescription?

3. What did Dr. Riedel ask for in his letter to Werner Pohle?

4. What does the handwriting that grows shakier over the years suggest?