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Short story

Spiegelgasse, 1916

In her diary, a young waitress in Zurich's old town describes the noisy poets who have rented the back room of her inn, and the quiet Russian neighbour who keeps complaining about them.

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Words to know (12)
  • der Patron · (Swiss) landlord, owner of an inn
  • aus aller Herren Länder(n) · from all over the world
  • aufsagen · to recite
  • zur Untermiete wohnen · to live as a lodger
  • etwas ausrichten · to pass on (a message)
  • die Serviertochter · (Swiss) waitress
  • die Konservenbüchse · tin can
  • peinlich · embarrassing
  • der Lehrling · apprentice
  • sich zerstreiten · to fall out (with each other)
  • der Rappen · rappen (Swiss centime)
  • Unheil anrichten · to cause harm, wreak havoc

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Zürich, 6. Februar 1916. Seit gestern haben wir im Saal hinten Künstler. Der hat ihn an einen Deutschen vermietet, einen langen, blassen Herrn mit einer Frau, die singt, und dazu kommen jeden Abend junge Leute aus aller Herren Rumänen, Elsässer, ein Maler, der aussieht wie ein Pfarrer. Sie nennen das Ganze ein Cabaret und haben einen französischen Philosophen auf das Schild gemalt. Der sagt, solange sie das Bier bezahlen, dürfen sie es nennen, wie sie wollen. Ich serviere.

12. Februar. Ich verstehe nicht, was die Herren dort machen, und ich glaube, sie verstehen es auch nicht, und das ist offenbar der Zweck. Gestern haben drei von ihnen gleichzeitig Gedichte jeder ein anderes, in drei Sprachen, und dazu hat einer auf eine Pfanne geschlagen. Das Publikum hat gepfiffen, und die Herren haben sich verbeugt, als wäre Pfeifen das schönste Lob. Draußen an der Front stirbt man zu Tausenden, sagt der der die Zeitung liest. Drinnen stirbt man vor Lachen, oder vor Ärger, je nachdem.

3. März. Heute ist zum ersten Mal der Herr von Nummer vierzehn heruntergekommen. Er wohnt mit seiner Frau beim Schuhmacher Kammerer zur ein kleiner Mann mit Glatze und einem rötlichen Bart, sehr höflich, sehr bestimmt. Ob man die Musik nicht etwas leiser machen könne, er müsse arbeiten. Ich sagte, ich würde es Er bedankte sich, als hätte ich ihm einen Vertrag unterschrieben, und ging wieder hinauf. Die Herren im Saal haben gelacht und noch lauter getrommelt. Ich habe es trotzdem Man soll ja nicht sagen, eine halte ihr Wort nicht.

23. Juni. Der lange Deutsche ist heute Abend in einem Kostüm aus Karton aufgetreten, blau glänzend, mit einem Hut wie ein Kamin, und hat Wörter gesungen, die es nicht gibt. Gadji beri bimba, so ungefähr. Am Ende musste man ihn von der Bühne tragen, weil er sich in seinem Karton nicht bewegen konnte. Er sah dabei aus wie ein Bischof, der in eine gefallen ist. Ich habe gelacht, und das ist mir denn ich glaube, ich habe an der richtigen Stelle gelacht. Ich will nicht anfangen, diese Leute zu verstehen.

2. Juli. Der Herr von Nummer vierzehn sitzt jetzt oft in der Bibliothek, sagt Frau Kammerer, von morgens bis abends, und schreibt über den Imperialismus. Heute traf ich ihn auf der Treppe, als ich die leeren Flaschen hinuntertrug. Er fragte, wie viel ich verdiene und wie lange ich arbeite. Ich sagte es ihm. Er nickte, als hätte er es geahnt, und sagte, eines Tages würden Leute wie ich nicht mehr für Leute wie die da hinten servieren. Ich fragte, wer dann serviere. Darauf wusste er keine Antwort, oder er hielt die Frage für unter seiner Würde.

Ende Juli. Das Cabaret ist zu. Die Herren haben sich oder das Geld ist ausgegangen, oder beides, man weiß es bei ihnen nie so genau. Der Saal riecht noch nach Tabak und Leim. Der ist froh. Ich auch, glaube ich. Am letzten Abend hat der Rumäne mir ein Gedicht auf eine Serviette geschrieben, das aus lauter Zahlen besteht. Ich habe es aufbewahrt, ich weiß nicht, warum.

9. April 1917. Heute ist der Herr von Nummer vierzehn abgereist. Mit der Bahn, sagt man, quer durch Deutschland, mitten im Krieg, in einem Wagen, den keiner betreten darf. Frau Kammerer weint ein wenig, weil sie ihn gern hatte, obwohl er die Miete immer auf den genau und keinen mehr bezahlt hat. Am Morgen kam er noch zu uns herein, trank im Stehen einen Kaffee, legte zwanzig Trinkgeld auf den Tisch und gab mir dazu einen Rat: Ich solle mich organisieren. Dann ging er, sehr schnell, wie einer, der einen Zug erwischen muss, der die Welt verändern wird.

10. April. Ich habe lange nachgedacht. Die Herren im Saal wollten die Welt mit Unsinn verändern, der Herr von Nummer vierzehn mit Ernst. Wer von ihnen mehr wird, weiß ich nicht. Die Herren im Saal jedenfalls haben ihr Bier bezahlt, meistens.

Comprehension check

0/4 answered

1. What does the waitress think the performers' purpose is?

2. Why does the man from number fourteen come downstairs?

3. Why is the narrator embarrassed after the performance in the cardboard costume?

4. What advice does the Russian neighbour give her when he leaves?