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Short story

Achtundachtzig

For forty-six years a radio amateur on a tiny North Sea island has exchanged Morse code every evening with a woman in Vorarlberg he has never seen, until one evening she does not answer.

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Words to know (12)
  • die Hallig · small undiked island in the North Frisian Wadden Sea
  • die Warft · artificial dwelling mound (against floods)
  • das Rufzeichen · call sign
  • funken · to transmit by radio
  • der Föhn · föhn (warm, dry Alpine wind)
  • die Stickerei · embroidery (works)
  • der Anleger · jetty, landing stage
  • aufdringlich · pushy, obtrusive
  • mustern · to look someone up and down
  • zappeln · to twitch, to fidget
  • der Schlaganfall · stroke
  • unablässig · incessantly

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Auf der Hooge gibt es zehn eine Kirche, eine Schule mit drei Schülern und seit 1978 eine Antenne, die höher ist als der Kirchturm. Sie gehört Jens Ketelsen, und sie ist der Grund, warum die Hooger, wenn sie vom Festland zurückkommen und die flach wie einen Pfannkuchen aus dem Wattenmeer steigen sehen, als Erstes nach dem Mast schauen und dann sagen: Na, Jens ist noch da. Jens war immer da. Er war seit 1983 nicht mehr auf dem Festland gewesen, außer zweimal beim Zahnarzt in Husum, und beide Male hatte er es bereut.

Jeden Abend um 21 Uhr setzte er sich an das Funkgerät und gab mit der Morsetaste sein DL3JK, und jeden Abend um 21 Uhr und ein paar Sekunden antwortete aus Lustenau in Vorarlberg, gut achthundert Kilometer entfernt, am anderen Ende der Republik und dann noch ein Stück über die Grenze, OE9LMH. Sie hieß Liesl, mehr wusste er anfangs nicht, und mehr wollte sie auch nicht sagen. Sie nur in Telegrafie. Ein Mikrofon, hatte sie ihm in der ersten Woche gemorst, besitze sie nicht und wolle sie nicht besitzen; die Stimme verrate zu viel, die Taste nur das Nötige. Jens, der ohnehin nicht gern redete, fand, das sei der vernünftigste Satz, den eine Frau je zu ihm gesagt habe.

So ging es sechsundvierzig Jahre. Sie morsten über das Wetter, das in Lustenau aus bestand und auf Hooge aus Wind, über die Sturmfluten, die ihm das Wasser bis an die Haustür spülten, über die in der sie arbeitete, über ihren Mann, der 1994 starb, und über seine Frau, die er nie gehabt hatte. Sie stritten über Fußball und über den Papst. Sie hatten einander nie gesehen, nie ein Foto getauscht, nie einen Brief geschrieben. Sie verabschiedeten sich jeden Abend mit 73, was unter Funkern „Viele Grüße“ bedeutet, und einmal, an Silvester 1999, nach einer Flasche Grog, hatte Jens 88 gegeben, was „Liebe und Küsse“ heißt, und Liesl hatte darauf eine Minute lang geschwiegen und dann 73 gegeben, und er hatte es nie wieder versucht.

Am 4. März 2025 antwortete OE9LMH nicht. Auch nicht am 5. und nicht am 6. Jens rief jeden Abend, eine Stunde lang, auf der gewohnten Frequenz und dann auf allen anderen, und hörte nur das Rauschen des Bandes, das klingt, als atme das Universum durch die Zähne. Am 12. März packte er eine Tasche, ging zum und nahm die Fähre nach Schlüttsiel. Es war das erste Mal seit zweiundvierzig Jahren, dass er die ohne Zahnschmerzen verließ. Er brauchte vierzehn Stunden mit vier Zügen, und als er in Lustenau ankam, kam ihm das Land so steil und kamen ihm die Berge so vor, als hätten sie sich eigens für ihn so hingestellt.

Die Adresse kannte er aus dem Rufzeichenverzeichnis. Eine Nachbarin, die in Liesls Vorgarten die Tulpen goss, ihn eine Weile und sagte dann in einem Dialekt, von dem er höchstens die Hälfte verstand, die Frau Hämmerle sei im Pflegeheim in Dornbirn, seit dem Reden könne sie nicht mehr, schreiben auch nicht, die rechte Hand sei ganz weg und die linke, „die halt“. Den Funkkram habe der Sohn abgebaut, der wohne in Wien und habe keine Zeit für so etwas.

Im Pflegeheim führte ihn eine Pflegerin in ein Zimmer mit Blick auf eine Felswand. Liesl Hämmerle war weißhaarig und kleiner, als er sie sich vorgestellt hatte, und er hatte sie sich, wie ihm jetzt aufging, sechsundvierzig Jahre lang überhaupt nicht vorgestellt, sondern nur gehört. Sie sah ihn an, ohne ihn zu erkennen; wie hätte sie auch. Ihre linke Hand lag auf der Bettdecke, und die Finger klopften, kurz und lang, kurz und lang. „Das macht sie den ganzen Tag“, sagte die Pflegerin. „Der Doktor sagt, das ist neurologisch.“

Jens hörte zu. Er brauchte nicht lange. Lang-kurz-lang-kurz, lang-lang-kurz-lang: CQ, CQ, hier OE9LMH. Sie rief. Sie rief seit zehn Tagen, jeden Tag, auf einer Bettdecke in Dornbirn, und niemand hatte geantwortet. Jens setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett, legte den Zeigefinger auf den Nachttisch aus Kunststoff und klopfte, langsam und deutlich, wie er es sechsundvierzig Jahre lang getan hatte: OE9LMH, hier DL3JK. Die Hand auf der Bettdecke hielt inne. Dann, nach einer Pause, die er kannte, klopfte sie zurück, zitternd, aber fehlerlos: JENS?

Die Pflegerin sagte später, sie habe so etwas noch nie gesehen: zwei alte Leute, die eine Stunde lang auf Möbeln herumklopften und dabei lachten, der Mann ganz still und die Frau ohne einen Ton. Am Ende des Besuchs, als Jens schon den Mantel anhatte, klopfte Liesl noch einmal, nur zwei Ziffern, zweimal dieselbe. Jens stand eine Weile in der Tür. Dann ging er zum Bahnhof und fragte nach einem Zimmer in der Nähe, für länger, und auf Hooge schauten die Leute nach dem Mast und wunderten sich, dass er noch dastand, obwohl Jens nicht mehr da war.

Comprehension check

0/4 answered

1. Why did Liesl only ever communicate in Morse code?

2. What happened when Jens sent "88" on New Year's Eve 1999?

3. What did the nurses think Liesl's tapping fingers were?

4. What does the ending suggest?