Short story
Sütterlin
A retired archivist in Stralsund who can still read old German handwriting is asked to transcribe a will from 1912 that decided who got the family villa.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- Kurrent / Sütterlin · old German handwriting scripts
- die Währung · currency
- die Klarsichthülle · clear plastic sleeve
- der Reeder · shipowner
- die Ober- und Unterlänge · ascender and descender (of letters)
- der Lattenzaun · picket fence
- enteignen · to expropriate
- das Kontor · (old) merchant's office
- sich etwas gönnen · to allow oneself something
- vergilbt · yellowed
- die Überlieferung · tradition, how stories get handed down
- die Sperrfrist · closure period, embargo
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Kurt Ladewig war vierzig Jahre lang am Stadtarchiv Stralsund gewesen, und seit er pensioniert war, kamen die Leute mit ihren Schuhkartons zu ihm nach Hause. Es waren immer dieselben Schuhkartons: Feldpostbriefe, Kochbücher, Poesiealben, Tagebücher von Großmüttern, die vor ihren Enkeln nichts zu verbergen hatten, weil sie wussten, dass die Enkel ihre Schrift nicht lesen konnten. Ladewig konnte sie lesen. Er war einer der Letzten in Vorpommern, die und so flüssig lasen wie die Zeitung, und er nahm dafür kein Geld, sondern Kuchen, was in seinem Alter und bei seinem Blutzucker, wie seine Tochter fand, die teurere war.
Jonas Brandt brachte keinen Kuchen, sondern eine und darin ein einziges Blatt. Er war Mitte dreißig, Lehrer in Greifswald, und er erklärte die Sache mit der Gründlichkeit eines Mannes, der sie sich schon oft selbst erklärt hatte. Die Villa am Sund, Familienbesitz seit 1880. Der Ururgroßvater, Heinrich Brandt, zwei Söhne. Nach allgemeiner Annahme hätte der ältere, Jonas' Urgroßvater, das Haus erben müssen. Stattdessen war es an den jüngeren gegangen, Wilhelm, aufgrund dieses Testaments, und dessen Nachkommen wohnten bis heute darin. Großtante Hedwig, Wilhelms Tochter, vierundneunzig Jahre alt, bewahrte das Original auf wie eine Reliquie. Er habe es sich für eine Familienchronik ausleihen dürfen. Nur lesen könne es niemand.
Ladewig setzte die Lesebrille auf. „Stralsund, den 3. Mai 1912. Mein letzter Wille.“ Die Schrift war schön, sehr gleichmäßig, die Buchstaben senkrecht und rund, die Ober- und in genau dem Verhältnis, das man Generationen von Schulkindern mit dem Lineal beigebracht hatte. Ladewig las das Testament zu Ende, langsam, und dann noch einmal, und dann nahm er die Brille ab und putzte sie, obwohl sie sauber war. Jonas fragte, ob etwas nicht stimme. Ladewig sagte, er müsse sich das in Ruhe ansehen, und bat ihn, das Blatt eine Woche dazulassen.
Was nicht stimmte, war die Schrift selbst. Der Grafiker Ludwig hatte seine Schrift im Auftrag des preußischen Kultusministeriums entworfen, und an den Schulen in Preußen eingeführt wurde sie im Jahr 1915. Davor schrieb man spitz, schräg und eng, eine Schrift wie ein bei Seitenwind. Ein der 1912 mit siebenundfünfzig Jahren sein Testament aufsetzte, hatte um 1862 schreiben gelernt. Er konnte so wenig in schreiben, wie ein Mensch von 1912 eine E-Mail schreiben konnte. Wer dieses Blatt geschrieben hatte, war zwischen 1915 und 1941 zur Schule gegangen.
Ladewig rief nicht Jonas an, sondern die Villa. Hedwig Brandt empfing ihn im Wintergarten, aufrecht in einem Korbsessel, mit Blick auf den Sund und auf Rügen dahinter, und bevor er etwas sagen konnte, sagte sie: „Sie sind der Mann mit den alten Schriften. Ich habe mir gedacht, dass Sie kommen.“ Sie bot ihm Tee an, keinen Kuchen. Er legte das Blatt auf den Tisch. Sie betrachtete es mit einer Art beruflicher Anerkennung. „Ich war achtzehn“, sagte sie. „Und ich hatte die schönste Handschrift in der ganzen Klasse.“
Es war 1949 gewesen. Ihr Vater war im Krieg geblieben, die Mutter krank, die Reederei und der Onkel, dem das Haus zugestanden hätte, saß in Hamburg und schrieb Briefe, in denen das Wort „Verkauf“ vorkam. Das echte Testament hatte im Schreibtisch des Großvaters gelegen, der im Frühjahr 1945 mit neunzig Jahren gestorben war, zu einer Zeit, in der sich niemand um Urkunden kümmerte. Hedwig hatte es abgeschrieben, Wort für Wort, mit Tinte aus dem und auf Papier aus derselben Schublade, und nur einen Namen geändert. „Und eine Zeile hinzugefügt“, sagte sie. „Dass das Klavier an die Enkelin Hedwig geht. Das habe ich mir Ich habe ja sonst nichts davon gehabt, außer dem Gewissen.“
Ladewig fragte, wo das echte Testament sei. Hedwig stand auf, mit einer Mühe, die sie sich nicht anmerken lassen wollte, ging zum Klavier, hob den Deckel und zog einen Umschlag hervor. „Man verbrennt keine Urkunden“, sagte sie. „Ich bin eine Brandt und keine Barbarin.“ Sie gab ihm beides. Er solle damit machen, was ein Archivar mache. Drei Wochen später war sie tot. Sie starb, wie man sich in Stralsund erzählte, am Klavier, was nicht stimmte; sie starb im Krankenhaus, aber die Leute fanden die andere Fassung schöner, und Ladewig, der wusste, wie entsteht, widersprach nicht.
Er tat, was ein Archivar tut. Er übergab das echte Testament, verzeichnet und datiert, dem Stadtarchiv, als Teil des Nachlasses Brandt, mit einer von hundert Jahren, wie sie bei Dokumenten mit persönlichen Daten durchaus vorkommt. Jonas Brandt bekam sein Blatt zurück, dazu eine saubere, buchstabengetreue Übertragung in lateinische Schrift, wie er es erbeten hatte. Er bedankte sich mit einem Kuchen. Er hatte, das hat Ladewig später immer betont, darum gebeten, dass man ihm vorlese, was auf dem Blatt stand, und nicht darum, dass man ihm sage, wann es geschrieben worden war. Und Ladewig war ein genauer Mensch.
Comprehension check
0/4 answered
1. How does Ladewig usually get paid for reading old handwriting?
2. How does Ladewig know the will cannot be from 1912?
3. What did Hedwig change when she copied the real will in 1949?
4. How does Ladewig handle the truth in the end?