Deep End
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Short story

Das letzte Eis

In 2140, a museum in the Carinthian Alps keeps the last piece of a vanished glacier in a freezer, until a storm cuts the power and the road to the valley.

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Words to know (11)
  • der Gletscher · glacier
  • das Geröll · scree, loose rocks
  • der Kutscher · coachman
  • zerfallen · to fall apart, to disintegrate
  • sich festsetzen · to settle in, to stay put
  • das Notstromaggregat · emergency generator
  • verschüttet · buried (under debris)
  • die Mure · mudslide, debris flow
  • die Stirnlampe · head torch
  • die Rinne · groove, channel
  • entspringen · to rise, to have its source (of a river)

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Das Eis lag in einem gläsernen Kasten im Keller des Nationalparkhauses in Heiligenblut, bei minus achtzehn Grad, und es war, wie auf dem Schild stand, das letzte Stück der Pasterze, des einst größten Österreichs. Man hatte es im Jahr 2031 aus vierzig Metern Tiefe gebohrt, als es dort noch vierzig Meter Tiefe gab: einen Zylinder, so lang wie ein Kinderarm und so dick wie ein Oberschenkel, trüb, bläulich, mit winzigen Bläschen darin, als hätte jemand Mineralwasser eingefroren. Im Sommer 2140 kamen jeden Tag ein paar hundert Leute, um es anzusehen. Mehr gab es von der Pasterze nicht zu sehen. Oben, wo sie gewesen war, lag grau, so weit das Auge reichte, und ein Schild mit der Aufschrift: Gletscherstand 1856.

Theresia Pichler betreute das Eis seit neunzehn Jahren. Sie war Glaziologin, ein Beruf, der ungefähr so viel Zukunft hatte wie der des um 1920, und sie wusste das und machte keine Witze darüber, weil alle anderen sie schon machten. Ihr Großvater war noch auf der Pasterze Ski gefahren. Ihr Vater hatte gesehen, wie sie Sie selbst kannte sie nur aus dem Kasten, und manchmal, wenn das Museum geschlossen hatte, legte sie die Hand an das Glas und spürte die Kälte, so wie man an einem Grab die Hand auf den Stein legt.

Am 9. August, einem Dienstag, kam das Gewitter. Es war kein Gewitter, wie Theresias Großvater sie gekannt hatte, sondern eines von der neuen Art, die nicht vorüberzog, sondern sich Um 15 Uhr fiel der Strom aus. Um 15.04 Uhr sprang das an, um 15.40 Uhr ging es wieder aus, mit einem Geräusch wie ein Seufzer, und Ferdl Gruber, der Hausmeister, lag eine Stunde lang darunter und kam mit der Nachricht hervor, dass ein Teil gebrochen sei, das man in Lienz bekomme. Die Straße nach Lienz war seit 15.20 Uhr Eine sagte das Radio. Mehrere Tage, sagte das Radio.

Im Keller stieg die Temperatur. Theresia rechnete: Bei geschlossener Tür, ohne Kühlung, im Sommer 2140, hatte das Eis vielleicht zwölf Stunden. Sie telefonierte, solange das Netz hielt, mit Klagenfurt, mit Wien, mit einem Labor in Innsbruck, das bedauerte, und mit einem in Zürich, das noch mehr bedauerte. Dann saß sie im Halbdunkel neben dem Kasten auf dem Boden und sah zu, wie sich auf dem Glas Tropfen bildeten, außen zuerst, als schwitze das Glas aus Angst.

Ferdls Enkelin fand sie dort. Sie hieß Mira, war elf und verbrachte die Ferien beim Großvater, weil es in Heiligenblut, wie ihre Mutter sagte, wenigstens nachts noch unter dreißig Grad hatte. Sie setzte sich neben Theresia und betrachtete das Eis. „Was sind die Bläschen?“, fragte sie. Luft, sagte Theresia. Luft, die beim Schneien eingeschlossen worden war, vor ungefähr sechshundert Jahren, und die seither darin festsaß. Mira dachte darüber nach. „Dann ist da die Luft von früher drin?“, fragte sie. „Von den Rittern und so?“ Theresia sagte, ja, ungefähr, von den Rittern und so. „Und wenn es schmilzt, kommt sie raus?“

Um zwei Uhr nachts, als das Gewitter endlich nachließ, trugen sie das Eis hinauf. Theresia hatte es in eine Kühlbox gelegt, die nicht mehr kühlte, und Ferdl fuhr sie mit dem alten Geländewagen über die Glocknerstraße bis zur Franz-Josefs-Höhe. Von dort gingen sie zu Fuß weiter, mit eine halbe Stunde über das bis zu der Stelle, an der laut Theresias Karte im Jahr 2000 noch das Eis gelegen hatte, über hundert Meter dick. Dort legten sie den Zylinder auf einen flachen Stein. Er glänzte im Licht der Lampen. Es tropfte bereits.

Sie setzten sich daneben. Niemand sagte etwas. Gegen vier wurde es hell, und das Eis wurde kleiner, und die Tropfen liefen über den Stein, sammelten sich in einer und verschwanden zwischen den Steinen, bergab, dorthin, wo früher die Möll war. Ab und zu hörte man ein feines Knacken, wenn eine Blase aufbrach. Mira hatte sich auf den Bauch gelegt, das Gesicht ganz nah am Eis, und atmete mit großer Ernsthaftigkeit jedes Mal ein, wenn es knackte. „Ich atme Ritterluft“, sagte sie.

Um halb sieben war das Eis fort. Auf dem Stein blieb ein dunkler, feuchter Fleck, der in der Morgensonne schneller trocknete, als Theresia hinschauen konnte. Im Museum steht heute ein leerer gläserner Kasten, und daneben hängt ein kleines Schild, das Mira mit Filzstift in Druckbuchstaben geschrieben hat und das Theresia gegen den Willen der Direktion nicht abnehmen lässt: Hier war das Eis. Es ist nach Hause gegangen. Die Luft habe ich.

Comprehension check

0/4 answered

1. Why could the emergency generator not be repaired?

2. What did Mira find fascinating about the ice?

3. What did they do with the ice?

4. What does Mira's sign mean by "Die Luft habe ich"?