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Short story

Nu, Herr Professor

A young philosophy lecturer from Munich starts his first job in Dresden and finds an eighty-three-year-old guest student in the front row of his ethics seminar.

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Words to know (12)
  • nu · (Saxon) yes; well
  • der Gasthörer / die Gasthörerin · guest student (auditing classes)
  • die Steppjacke · quilted jacket
  • das Kombinat · (GDR) state-owned industrial combine
  • vernichtend · devastating
  • vermeintlich · supposed, alleged
  • zwee / ni / weeß / ooch · (Saxon) zwei / nicht / weiß / auch
  • lügen wie gedruckt · to lie through one's teeth
  • die Bemme · (Saxon) open sandwich
  • der Deckname · codename
  • nach reiflicher Abwägung · after careful consideration
  • die Maxime · maxim (Kant: a personal rule of action)

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Ich hatte mich auf vieles vorbereitet, als ich im Oktober meine erste Stelle an der Technischen Universität Dresden antrat: auf Studierende, die Philosophie als Pflichtmodul neben dem Maschinenbau belegten und mich entsprechend ansahen; auf Seminarräume, die nach Linoleum und Plattenbau rochen; auf den Dialekt, den mir Kollegen in München mit einem mitleidigen Lächeln angekündigt hatten. Auf Frau Pietzsch war ich nicht vorbereitet.

Sie saß in der ersten Reihe meines Seminars „Grundfragen der Ethik“, eine kleine Frau von dreiundachtzig Jahren mit einer lila einer Thermoskanne und einer Brotbüchse, aus der es nach Leberwurst roch. Sie war Sie hatte, wie sie mir in der ersten Sitzung ungefragt mitteilte, vierzig Jahre lang als Schaltmeisterin im gearbeitet, drei Kinder großgezogen und zwei Männer überlebt, und jetzt wolle sie, und hier sagte sie es so, dass ich es im Kopf dreimal übersetzen musste, endlich ma wissen, was dor Kant eichentlich gewollt hat“.

Es wurde ein lehrreiches Semester, vor allem für mich. Frau Pietzsch meldete sich nicht, sie sagte einfach und zwar in einer Tonlage, die je nach Zusammenhang Zustimmung, Zweifel oder eine Kritik der praktischen Vernunft bedeuten konnte. Als ich den kategorischen Imperativ an die Tafel schrieb, sagte sie und es war Zustimmung. Als ich ihn mit einem Beispiel über Versprechen erläuterte, sagte sie und es war Zweifel. Als ein Student aus Chemnitz behauptete, Moral sei letztlich eine Frage der Evolution, sagte sie und der Student sprach für den Rest des Semesters nicht mehr.

Im Dezember kamen wir zu Kants berühmtem Aufsatz über das Recht, aus Menschenliebe zu lügen. Ich stellte den Fall vor, wie man ihn in jedem Lehrbuch findet: Ein Mörder steht vor der Tür und fragt, ob sich mein Freund, den er verfolgt, in meinem Haus versteckt. Darf ich lügen? Kant sagt nein, auch dann nicht. Die Studierenden waren empört, wie Studierende es seit zweihundert Jahren an dieser Stelle sind, und ich hatte meine Gegenargumente bereit, ordentlich nummeriert. Da stellte Frau Pietzsch ihre Thermoskanne ab.

„Ich hab das ma gemacht“, sagte sie. „Neunzehnhundertvierundsiebzig. Da standen Herren vor dor Tür, mit Messer, mit Ausweis, und wollten wissen, ob dor Nachbar, dor Gerhard, bei uns Westfernsehn geguckt hat und was er über die Partei gesagt hat. Ich hab gesagt: dor Gerhard? Der guckt bloß Sandmännchen und schläft dabei ein.“ Sie machte eine Pause. Die Maschinenbauer, die sonst unter dem Tisch ihre Telefone betrachteten, sahen auf. „Gelogen hab ich. Wie

Ich sagte etwas Vorsichtiges darüber, dass Kant in einem solchen Fall womöglich, unter Umständen, wenn man den späteren Kant hinzuziehe … Sie hob die Hand. „Warten Se, Herr Doktor, 's geht noch weiter.“ Nach der Wende, sagte sie, habe sie ihre Akte gelesen, bei der Gauck-Behörde, wie man damals sagte. Sie habe sie sehr gründlich gelesen, mit Lesebrille und Und auf Seite hundertzwölf habe gestanden, ein inoffizieller Mitarbeiter mit dem „Fernseher“ berichte, die Bürgerin Pietzsch habe gegenüber den Organen nachweislich falsche Angaben gemacht. Der inoffizielle Mitarbeiter, sagte sie, sei der Gerhard gewesen.

Es war sehr still im Seminarraum. Ich hatte meine Gegenargumente noch in der Hand, ordentlich nummeriert, und sie kamen mir plötzlich vor wie ein Regenschirm bei einer Sturmflut. „Und jetzt“, sagte Frau Pietzsch, „will ich von Ihnen wissen: Hab ich richtig gehandelt oder dor Kant?“ Ich sagte, ehrlich gesagt wisse ich es nicht. Sie nickte zufrieden, als hätte ich endlich eine Prüfung bestanden. sagte sie, und es klang wie ein Lob. „Ich es Ich bloß, dass ich's wieder machen würde. Und dass dor Kant trotzdem dumm war. Das muss mor aushalten. Das steht in keem Buch.“

In der Klausur im Februar gab es eine einzige Frage, und sie stand in keinem Lehrbuch. Frau Pietzsch schrieb nicht mit, weil keine Klausuren schreiben dürfen; sie saß trotzdem in der ersten Reihe, mit Thermoskanne, und verteilte um halb elf, ohne zu fragen, an alle, die nicht mehr weiterwussten. Ich weiß, dass das gegen die Prüfungsordnung verstieß. Ich habe es, nach aller in Frage kommenden nicht gemeldet.

Comprehension check

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1. What does Frau Pietzsch's "Nu" mean?

2. What did Frau Pietzsch do in 1974?

3. What did she discover in her Stasi file?

4. How does the lecturer behave at the end, and why is it ironic?