Short story
Blindgänger
A bomb disposal expert in Oranienburg has to blow up a wartime bomb in a field, but an old woman in the evacuation zone refuses to leave her house.
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Words to know (12)
- der Blindgänger · dud, unexploded bomb
- der Langzeitzünder · long-delay fuse
- der Kampfmittelbeseitigungsdienst · bomb disposal service
- entschärfen · to defuse
- sprengen · to blow up, detonate
- der Sperrkreis · exclusion zone
- die Räumungsanordnung · evacuation order
- zwangsweise · compulsory, by force
- die Hebamme · midwife
- der Bombenhagel · hail of bombs
- spröde · brittle
- der Befehlsstand · command post
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Der lag seit einundachtzig Jahren in sieben Metern Tiefe unter einem Kartoffelacker am Rand von Oranienburg, und seit einundachtzig Jahren tickte in ihm, genau genommen, nichts. Das war das Problem. Im Frühjahr 1945 waren über der Stadt Tausende Bomben mit chemischen abgeworfen worden, die Stunden oder Tage nach dem Aufschlag detonieren sollten, und ein Teil davon hatte es sich anders überlegt. Eine Ampulle mit Aceton, die nicht zerbrochen war; eine Zelluloidscheibe, die sich nicht aufgelöst hatte; ein Schlagbolzen, der seither wartete. Niemand konnte sagen, worauf.
Mirko Hentschel vom des Landes Brandenburg hatte in neunundzwanzig Dienstjahren hundertvierzig Bomben und sieben Er war ein schwerer, ruhiger Mann mit Händen wie Brotlaiben, denen niemand zutraute, was sie konnten, und er hatte die Angewohnheit, mit den Bomben zu reden, leise, in einem Ton, den seine Frau den Zahnarztton nannte. Diese hier hatte er sich am Vormittag angesehen, und er hatte nicht mit ihr geredet. Der Zünder war verformt, der Bolzen vermutlich gespannt. Man würde sie vor Ort müssen. tausend Meter, viertausend Menschen, ein Pflegeheim, zwei Kitas. Und eine Frau Kunze, Edith, Akazienweg 14, die sich weigerte zu gehen.
Die Polizei hatte zweimal geklingelt, das Ordnungsamt einmal und dann einen Zettel durch den Briefschlitz geschoben, auf dem in sorgfältigem Amtsdeutsch die Möglichkeit einer Durchsetzung der erwähnt wurde. Frau Kunze hatte den Zettel umgedreht und auf die Rückseite geschrieben: „Ich bin hier geboren, und ich gehe nicht wegen einer Bombe, die sich nicht entscheiden kann.“ Um halb zwei, eine Stunde vor der geplanten Sprengung, stand Mirko Hentschel selbst vor ihrer Tür. Die Schutzweste hatte er im Wagen gelassen, weil man in Schutzwesten nicht überzeugend ist.
Sie öffnete sofort, als hätte sie hinter der Tür gestanden. Eine kleine Frau, frisch frisiert, als erwarte sie Besuch, und das tat sie offenbar: Auf dem Küchentisch standen zwei Tassen und ein Teller mit Streuselkuchen. „Sie sind der Sprengmeister“, sagte sie. „Setzen Sie sich. Sie haben ja noch eine Stunde.“ Er setzte sich, weil man einer Einundachtzigjährigen mit Streuselkuchen nicht widerspricht und weil er in neunundzwanzig Jahren gelernt hatte, dass jede Bombe ihre eigene Art hat, zu werden.
„Ich bin am fünfzehnten März fünfundvierzig geboren“, sagte sie, während sie Kaffee einschenkte. „Im Keller, unter diesem Haus. Meine Mutter hat erzählt, oben hätten die Wände gewackelt, und die habe bei jedem Einschlag das Vaterunser von vorn angefangen, sodass sie nie bis zum täglichen Brot gekommen sei. Danach lagen hier überall solche Dinger im Boden. Wir haben als Kinder darauf gespielt, ohne es zu wissen. Mein halbes Leben lang ist in dieser Stadt irgendwo etwas hochgegangen, mal ein Acker, mal eine Garage, einmal ein Bagger mitsamt Fahrer.“ Sie schob ihm den Kuchen hin. „Wissen Sie, was ich bin, Herr Hentschel? Ich bin auch so ein Abgeworfen im nicht hochgegangen, einundachtzig Jahre im Boden, und keiner weiß, worauf ich eigentlich noch warte.“
Er hätte ihr jetzt erklären können, warum mit dem Alter nicht harmloser werden, sondern launischer; dass die Zelluloidscheibe wird und die Feder müde und dass niemand vorhersagen kann, welches Zittern das letzte ist. Stattdessen aß er ein Stück Kuchen und sagte: „Dann machen wir es so. Sie kommen mit, aber nicht in die Turnhalle zu den anderen. Sie kommen mit mir an den Sie sehen zu.“ Frau Kunze sah ihn lange an. „Und wenn ich lieber hierbleibe?“ – „Dann bleibe ich auch“, sagte er, „und Sie erklären meiner Frau, warum.“
Um vierzehn Uhr zweiunddreißig stand Edith Kunze in einem geliehenen Helm, der ihr bis über die Augenbrauen rutschte, hinter einem Wall aus Sandsäcken, achthundert Meter vom Acker entfernt, und hielt sich an Hentschels Ärmel fest. Er sprach ins Funkgerät, zählte rückwärts, und bei null hob sich in der Ferne die Erde, als hätte jemand unter einem Tischtuch die Faust geballt. Dann erst kam der Knall, ein dumpfer, lang nachrollender Schlag, der durch die Schuhsohlen in den Magen fuhr. Eine braune Fontäne stand eine Sekunde lang über den Feldern und fiel in sich zusammen. Vögel flogen auf. Irgendwo bellte ein Hund und hörte gleich wieder auf, als sei ihm die Sache peinlich.
Frau Kunze nahm den Helm ab. Sie weinte nicht, wie er befürchtet hatte; sie lachte, kurz und hell wie ein Mädchen. „Einundachtzig Jahre“, sagte sie, „und das ist der erste Knall in meinem Leben, vor dem ich keine Angst hatte.“ Auf dem Rückweg im Dienstwagen fragte sie, ob er wiederkomme, es lägen ja angeblich noch an die dreihundert Stück in der Stadt. Mirko Hentschel versprach es. Bis zu seiner Pensionierung hat er noch neunzehn Bomben und drei und zu jeder Sprengung, so steht es nirgends in den Akten, aber jeder im Dienst weiß es, hat er einen zweiten Helm mitgebracht.
Comprehension check
0/4 answered
1. Why does this bomb have to be blown up where it lies?
2. How does Frau Kunze answer the notice from the public order office?
3. Why does Frau Kunze call herself a "Blindgänger"?
4. What has Hentschel done at every detonation since that day?