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Short story

Die Wörterbörse

In Berlin in 2087 every word has an owner and a price, and a young trader gets a tip that could make her rich on the eve of Valentine's Day.

Tap a dotted word for its meaning.

Words to know (12)
  • handelbar · tradable
  • der Inhaber · owner, holder
  • gemeinfrei · in the public domain
  • launisch · moody, volatile
  • die Kartellklage · antitrust lawsuit
  • sich reinwaschen · to clear oneself (of blame)
  • leer verkaufen · to sell short
  • der Heiratsschwindler · marriage swindler
  • das Allzeithoch · all-time high
  • die Abbuchung · debit
  • knausern · to skimp, be stingy
  • der Ausschlag · blip, swing (of a needle or price)

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Am Anfang war das Wort, und im Jahr 2087 gehörte es der Deutschen Wörterbörse AG mit Sitz am Berliner Spittelmarkt. So jedenfalls stand es, leicht abgewandelt, über dem Eingang, in Messingbuchstaben, für deren Nutzung die Börse sich selbst Lizenzgebühren zahlte. Seit der Sprachrechtsreform von 2061 war jedes Wort der deutschen Sprache ein Wert. Wer es aussprach oder schrieb, zahlte über das Implantat hinter dem Ohr einen Bruchteil eines Cents an den jeweiligen waren nur ein paar hundert Wörter: Artikel, Pronomen, Zahlen, ja, nein, gut, auch und, aus sozialpolitischen Gründen, Brot. Alle anderen Preise schwankten mit der Nachfrage. Im Winter stieg „Glühwein“, im Wahlkampf „Zukunft“, bei Länderspielen alles, was sich auf „Schiri“ reimte.

Ronja Albrecht, achtundzwanzig, handelte mit Gefühlswerten, der Sparte des Hauses. Sie hatte ein Gespür für Stimmungen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: Sie wusste, dass „Sehnsucht“ im November anzog, dass „Geborgenheit“ nach jeder Krise in die Höhe schoss und dass „Hoffnung“ chronisch überbewertet war. Privat sprach sie, wie die meisten Leute aus der Branche, sparsam. Mit ihrem Freund Mats, der als Fahrradkurier kaum mehr verdiente, als die Wörter kosteten, also nichts, verständigte sie sich zu Hause in jenem knappen Deutsch, das die Feuilletons das neue Plattdeutsch nannten: „Gut?“ – „Gut.“ – „Brot?“ – „Ja.“ Es reichte. Meistens.

Am Vorabend des Valentinstags bekam Ronja einen Tipp, wie man ihn nur einmal im Leben bekommt. Das Konsortium, das „Liebe“ hielt, das teuerste Substantiv der deutschen Sprache, wollte es in einer großzügigen Geste der Allgemeinheit schenken, um sich vor einer drohenden Am nächsten Tag um zwölf Uhr würde „Liebe“ samt der ganzen Wortfamilie werden. Bis dahin wusste es niemand außer dem Vorstand, zwei Anwälten und, durch eine Indiskretion, die man besser nicht zurückverfolgte, Ronja. Sie verkaufte was sie bekommen konnte: „Liebe“, „lieben“, „Liebling“, sogar das altmodische „Liebste“, das nur noch Lyriker und kauften.

Am Abend stand der Kurs auf einem Halb Berlin wollte am nächsten Morgen „Ich liebe dich“ sagen, und die andere Hälfte wollte es wenigstens hören. Ronja saß mit ihrem Terminal auf dem Sofa und rechnete. Wenn morgen Mittag die Nachricht kam, würde sie genug verdienen, um ein Jahr lang in ganzen Nebensätzen zu reden. Vielleicht sogar im Konjunktiv, dessen Konjunktur seit Jahren ungebrochen war, weil ihn sich nur noch die Oberschicht leisten konnte. Sie stellte sich vor, wie sie zu Mats sagen würde: „Wir könnten verreisen, wenn du wolltest.“ Sechs Wörter, zwei davon im Konjunktiv. Ein Vermögen.

Mats kam spät nach Hause, verschwitzt, mit einem in Papier gewickelten Strauß Tulpen, der eindeutig mehr gekostet hatte, als er hätte kosten dürfen. Er setzte sich zu ihr, nahm ihre Hand und sah sie mit einem Ernst an, den sie an ihm nicht kannte. Dann sagte er es. Drei Wörter, deutlich, ohne Eile, zum Höchstkurs. Ronja hörte das leise Klicken in seinem Implantat, mit dem die bestätigt wurde, und sie wusste, ohne nachzusehen, wie viel es war: ungefähr drei Monatsmieten. Er musste seit dem Sommer gespart haben. Jeden Abend „Gut?“ – „Gut.“, damit er an diesem einen Abend nicht musste.

Auf dem Terminal neben ihr zuckte der Kurs um einen winzigen nach oben, und Ronja begriff mit einer Klarheit, die ihr fast den Atem nahm, dass dieser Mats war. Dass sie gegen genau diesen Satz gewettet hatte. Dass sie morgen um zwölf an ihm verdienen würde, an seinem Sommer, an jedem verschluckten Wort. Es war, dachte sie, der teuerste Satz, der je in dieser Wohnung gesagt worden war, und sie war die Einzige im Raum, die wusste, dass er morgen Mittag nichts mehr kosten würde. Ab morgen würde ihn jeder sagen, achtlos, an der Supermarktkasse, im Treppenhaus, zu Hunden. Heute hatte er Mats alles gekostet.

Sie hätte ihm jetzt vieles sagen können. Dass er ein Idiot war. Dass er bis morgen hätte warten sollen. Dass sie ihn, Konjunktiv, von ihrem Gewinn ein Jahr lang hätte einladen können. Stattdessen griff sie nach dem Terminal und schloss alle Positionen, mit Verlust, und das Klicken ihres eigenen Implantats klang ihr in diesem Moment wie das schönste Geräusch der Welt. Dann wandte sie sich ihm zu. Sie wählte ihre Antwort mit der Sorgfalt einer Frau, die beruflich mit Wörtern handelt, und sie wählte die billigsten, die es gab, drei Wörter, die nicht einen Cent kosteten und die sie nie in ihrem Leben ernster gemeint hatte: „Ich dich auch.“

Comprehension check

0/4 answered

1. How do people pay for the words they use in 2087?

2. What secret information does Ronja receive?

3. What does Ronja realise when the price ticks upward?

4. What is special about Ronja's answer to Mats?