Short story
Die letzte Stimme
Leipzig, July 1750: on the night the great cantor dies, a young copyist is asked to make a clean copy of his unfinished last fugue.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (11)
- der Talg · tallow
- sich scheren (um) · to care (about)
- der Alumnus · (historical) boarding pupil of a church school
- der Stecher · engraver (of printing plates)
- das Rastral · five-nibbed pen for ruling music staves
- der Starstecher · (historical) eye surgeon who couched cataracts
- die Kadenz · cadence (music)
- ungeheuerlich · monstrous, outrageous
- die Engführung · stretto (overlapping entries in a fugue)
- die Nachlässigkeit · carelessness
- die Stimme · voice; part (in music)
Select any text to highlight it, or a word to translate it or save it to your flashcards.
In der Nacht, nachdem der Kantor gestorben war, roch das Haus an der Thomasschule nach und nach Essig. Die Fenster standen offen, weil es Juli war und weil die Frauen meinten, die Seele müsse einen Ausweg finden, und von draußen drang das Fluchen der Fuhrleute herein, die sich um den Tod eines alten Musikers nicht Gottlob Eckhardt, neunzehn Jahre alt, der Thomasschule und seit zwei Jahren einer der Kopisten des Hauses, saß in der Schreibstube unter dem Dach und wartete darauf, dass man ihm sagte, was nun zu tun sei.
Es war die Witwe selbst, die schließlich mit einem Bündel Papier die Treppe heraufkam. Anna Magdalena hatte geweint, aber sie sprach so ruhig, als ginge es um eine Kantate für den nächsten Sonntag. Der Herr Sohn wolle das große Fugenwerk, an dem der Vater bis zuletzt gearbeitet habe, dem übergeben, und dafür brauche es eine saubere Abschrift. Die letzte Fuge sei nicht vollendet. „Er hat sie diktiert, als er nichts mehr sah“, sagte sie, „und dann hat er aufgehört.“ Sie legte die Blätter auf das Pult, berührte sie kurz mit zwei Fingern, wie man einem Schlafenden über die Stirn streicht, und ging wieder hinunter.
Gottlob zog mit dem die Notenlinien, fünf auf einmal, wie er es tausendmal getan hatte, und begann zu kopieren. Er kannte die Handschrift des Kantors besser als seine eigene, ihre Ungeduld, die nach oben fliehenden Hälse der Achtel, die Tintenkleckse, die der Alte mit einem Fingerwisch zu Notenköpfen erklärte. In den letzten Monaten aber, nach den Operationen des englischen der mit großem Gefolge durch die Stadt gezogen war und mehr Rechnungen als Heilungen hinterlassen hatte, war diese Schrift fremd geworden: krumm, tastend, oft von anderer Hand ergänzt. Gottlob kopierte, Takt um Takt, und das Talglicht brannte herunter.
Gegen zwei Uhr morgens kam er an die Stelle. Drei Themen hatte der Kantor übereinandergeschichtet, und das dritte, eben erst eingeführt, bestand aus vier Tönen: b, a, c, h. Gottlob summte sie leise vor sich hin und fühlte, wie sich ihm die Haare im Nacken aufstellten. Der Mann hatte seinen eigenen Namen in die Musik geschrieben, nicht als Unterschrift unter das Werk, sondern mitten hinein, als eine unter Und gut vierzig Takte später, kaum dass alle drei Themen zum ersten Mal zusammenklangen, brach alles ab. Kein Schlussakkord, keine nicht einmal ein Strich. Die Mittelstimme hing in der Luft wie ein Satz, dem jemand ins Wort gefallen ist.
Er wusste, wie es weitergehen musste. Das war das Er hatte drei Jahre lang beim Kantor Kontrapunkt gelernt, mit Ohrfeigen und mit Lob, das seltener war und mehr schmerzte, und die Logik dieser Fuge lag vor ihm wie eine Straße, die man im Dunkeln geht, weil man sie am Tag hundertmal gegangen ist. Zwanzig, vielleicht dreißig Takte, dann die aller vier Themen, dann das Ende. Niemand würde es merken. Der bekäme ein vollendetes Werk, der Herr Sohn einen würdigen Abschluss, die Welt eine Fuge ohne Wunde. Er tauchte die Feder ein.
Lange hielt er sie über das Papier. Ein Tropfen Tinte sammelte sich an der Spitze, wurde schwer, fiel und hinterließ einen Fleck auf dem leeren System, gerade dort, wo der nächste Takt hätte beginnen müssen. Gottlob betrachtete ihn. Der Alte hätte daraus einen Notenkopf gemacht, mit einem einzigen Wisch, und weitergeschrieben. Aber der Alte war tot, und was hier fehlte, fehlte nicht aus Wer diese Fuge zu Ende schrieb, der log nicht über die Musik, dachte Gottlob, sondern über den Tod. Die Fuge hätte er vollenden können; den Mann, der sie begonnen hatte, nicht.
Er wischte die Feder ab und kopierte nur noch den letzten Takt, so wie er dastand, gebrochen, mit der hängenden Mittelstimme. Den Rest der Seite ließ er leer, fünf Linien unter fünf Linien, weiß bis zum Rand. Als die Witwe am Morgen heraufkam, fand sie ihn schlafend über dem Pult, den Kopf auf dem Arm. Sie nahm die Abschrift, sah die leere Seite lange an und fragte nichts. Später erzählte man, sie habe den Fleck auf dem ersten leeren Takt für eine Träne gehalten.
Gottlob Eckhardt wurde Organist in einer Kleinstadt im Erzgebirge, heiratete, zeugte sieben Kinder und schrieb in seinem langen Leben Tausende von ab, Soprane und Bässe, Violinen und Oboen, für Hochzeiten, Begräbnisse und gewöhnliche Sonntage. Von seiner Zeit in Leipzig sprach er selten. Nur einmal, als ihn ein junger Schüler fragte, welche die schwerste gewesen sei, die er je kopiert habe, soll er lange nachgedacht und dann geantwortet haben: „Die, die ich nicht geschrieben habe.“
Comprehension check
0/4 answered
1. Why does the widow need a clean copy of the fugues?
2. What is special about the third theme of the last fugue?
3. Why does Gottlob decide not to finish the fugue?
4. What did people later say the widow thought the ink blot was?