Short story
Der letzte Sprecher
A dialect researcher from Marburg spends three summers recording the last speaker of a mountain dialect in Vorarlberg, until a comparison with an old questionnaire shows her something odd.
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Words to know (12)
- der Weiler · hamlet
- vom Hörensagen · by hearsay
- die Mundart · dialect
- die Wehmut · melancholy, wistfulness
- präparieren · to preserve (a specimen)
- die Spielart · variety, variant
- der Obstler · fruit brandy (southern German, Austrian)
- die Lautschrift · phonetic transcription
- die Gewährsperson · informant (in linguistic fieldwork)
- tadellos · perfectly, flawlessly
- der Fälscher · forger
- Holz spalten · to split wood
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Als Friederike Lamm im Juli 2023 zum ersten Mal nach Hinterbuchboden hinaufstieg, einem im Großen Walsertal, den selbst die Postbusfahrer nur vom kannten, trug sie ein Aufnahmegerät, drei Ersatzakkus und die feste Überzeugung, dass Dialekte nicht sterben, sondern lediglich ins Archiv umziehen. Sie war Dialektologin am Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas in Marburg, jenem Institut, das seit bald hundertfünfzig Jahren die des deutschen Sprachraums sammelt wie andere Leute Schmetterlinge: sorgfältig, systematisch und mit einer leisen darüber, dass jedes das Fliegen beendet.
Alois Burtscher war einundneunzig und, nach allem, was die Gemeinde wusste, der letzte Mensch, der die von Hinterbuchboden noch beherrschte, eine Walser die sich von der des Nachbardorfs angeblich so deutlich unterschied wie ein Steinbock von einer Gämse. Er lebte allein mit einer Ziege, einem Transistorradio und einem Kruzifix, das er, wie er sagte, nur noch aus Höflichkeit hängen ließ. Er empfing Friederike mit Misstrauen und und dann redete er drei Sommer lang.
Es wurden die glücklichsten drei Sommer ihres Berufslebens. Alois lieferte ihr eintausendvierhundertzwölf Wörter, jedes einzelne aufgenommen, in transkribiert und mit Bedeutung, Beispielsatz und verzeichnet. Manche waren so schön, dass sie sie in Vorträgen zitierte und dafür Applaus bekam, was in der Dialektologie selten vorkommt: „Firnele“, der Geruch von Schnee, der erst übermorgen fällt; „Hockweh“, der Schmerz, der einen befällt, wenn man mit Gästen, die man mag, zu lange am Tisch sitzt und weiß, dass sie gleich gehen; „Abendlaube“, die Stunde, in der man das Tal noch sieht, aber die Gesichter nicht mehr.
Im Februar, in Marburg, zog sie den Wenkerbogen von Hinterbuchboden aus dem Archiv, ausgefüllt 1929 vom damaligen Dorflehrer: vierzig Sätze, die sich Georg Wenker im 19. Jahrhundert ausgedacht hatte und die das Institut über Jahrzehnte an Schulen im ganzen deutschen Sprachraum verschickt hatte, bis hin zum ersten und berühmtesten: Im Winter fliegen die trockenen Blätter durch die Luft herum. Friederike legte eine Tabelle der Lautentsprechungen an. Achthundertzwölf von Alois' Wörtern passten Die übrigen sechshundert passten zu keiner Regel, die sie kannte, nicht im Walserischen, nicht im Alemannischen, nirgends. Falsche Vokale, unmögliche Endungen, Konsonanten, die es in diesen Tälern nie gegeben hatte. Und fast alle stammten aus dem zweiten und dritten Sommer.
Sie hätte es lieber nicht gewusst. Ein über neunzigjähriger dachte sie, und ich habe ihm drei Jahre lang Schnaps und Glauben geschenkt. Im Oktober fuhr sie unangemeldet hinauf. Alois vor dem Haus Holz, sah sie kommen und legte die Axt erst weg, als sie die Tabelle schon auf den Küchentisch gelegt hatte. Er las sie langsam, Zeile für Zeile, mit dem Zeigefinger, und nickte, als bestätige jemand eine Rechnung, die er selbst aufgestellt hatte. „Sechshundert“, sagte er schließlich. „Ich hätte gedacht, es sind mehr.“
„Warum?“, fragte sie, und ihre Stimme klang dünner, als ihr lieb war. Er sah lange zum Fenster hinaus. „Im ersten Sommer haben Sie die Wörter geholt, die es gab“, sagte er. „Am Ende vom ersten Sommer waren fast keine mehr übrig. Da habe ich mir gedacht: Wenn die Wörter ausgehen, kommt die Frau aus Marburg nicht wieder.“ Seit seine Frau gestorben sei, vor elf Jahren, habe ihn niemand mehr etwas gefragt außer nach dem Blutdruck. „Sie haben gefragt, wie man bei uns sagt, wenn der Schnee kommt. Wie man sagt, wenn einem einer fehlt. Wissen Sie, wie lange mich das keiner mehr gefragt hat?“ Er tippte auf die Tabelle. „Die Wörter sind erfunden. Aber die Sachen gibt es alle. Das Hockweh habe ich jeden Abend gehabt, wenn Sie Ihr Gerät eingepackt haben.“
Im Sprachatlas stehen heute achthundertzwölf Wörter aus Hinterbuchboden, mit und Belegsatz, A. B., geboren 1932. Die anderen sechshundert hat Friederike Lamm nie veröffentlicht. Sie stehen in einem blauen Schulheft, das sie in keinem Archiv abgeben wird, und auf dem Umschlag steht: „Wörterbuch einer Sprache, die zwei Menschen sprechen“. Sie fährt weiterhin jeden Sommer hinauf, inzwischen ohne Aufnahmegerät. Beim letzten Mal, als die Abendlaube über das Tal kam, fragte sie ihn, wie man bei ihm zu jemandem sage, der immer wiederkommt. Alois dachte lange nach. „Das Wort gibt es noch nicht“, sagte er dann. „Aber wir haben ja Zeit.“
Comprehension check
0/4 answered
1. How does Friederike discover that something is wrong with the recorded words?
2. What is suspicious about about six hundred of the words?
3. Why did Alois invent words?
4. What does Friederike do with the invented words?