Deep End
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Short story

Stimmt

An old piano tuner in Flensburg is asked to tune a dead woman's piano, and inside it he finds two words he pencilled there fifty-eight years ago.

Tap a dotted word for its meaning.

Words to know (12)
  • der Stimmhammer · tuning hammer (piano tuner's wrench)
  • die Stimmgabel · tuning fork
  • der Kammerton · concert pitch
  • ungerührt · unmoved, impassive
  • sich verstimmen · to go out of tune
  • die Förde · long narrow inlet of the Baltic (Flensburg Fjord)
  • das Pianino · small upright piano
  • die Vorderwand · front panel
  • die Maserung · grain (of wood)
  • beschlagen · to fog up, mist over
  • der Stimmwirbel · tuning pin
  • die Schwebung · beat (wavering between two slightly different pitches)

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Heinrich Ahlers stimmte seit 1966 die Klaviere von Flensburg und Umgebung, und in all den Jahren hatte sich an seinem Handwerk weniger verändert als an seinem Gesicht. Dieselbe abgewetzte Ledertasche, derselbe mit dem schwarz gegriffenen Holzgriff, dieselbe die er gegen das Knie schlug und sich ans Ohr hielt, obwohl längst ein Gerät auf dem Markt war, das den genauer kannte als er. Draußen hatte die Stadt mehrmals ihr Gesicht gewechselt; Werften waren geschlossen, Hafenspeicher zu Lofts umgebaut, Kneipen in Cafés verwandelt worden. Drinnen, in den Wohnzimmern, standen die Klaviere an ihren Wänden und sich.

Die junge Frau, die ihn im Oktober anrief, sagte „Moin“ mit dem Tonfall einer Flensburgerin, die in Hamburg studiert, und fragte, ob er noch Hausbesuche mache. „Es ist das Klavier meiner Großmutter, in Glücksburg. Sie hat gesagt, wenn es einer stimmen soll, dann Sie. Nur Sie. Sie ist im September gestorben.“ Am nächsten Morgen stand Heinrich in einem Wohnzimmer mit Blick auf die vor einem schwarzen aus den Fünfzigerjahren, solide, unspektakulär, ein Instrument für eine Familie, die Wert auf Ordnung legte und auf Weihnachtslieder.

Er klappte den Deckel auf, schraubte die ab, und da war es, das, was Laien nie zu sehen bekommen: das Innere des Gehäuses, beschrieben wie die Wand einer Gefängniszelle. Klavierstimmer signieren ihre Arbeit, ein Kürzel und ein Datum, mit Bleistift aufs Holz gesetzt, eine stille Buchführung über Jahrzehnte. Ein Kieler Kollege 1979, einer aus Schleswig 1991, ein unleserlicher Schnörkel von 2004. Und ganz unten am Rahmen, kleiner als alle anderen, die älteste Signatur: H. A. 4. 68. Daneben, so blass, dass man es auch für eine des Holzes halten konnte, zwei Wörter, die er vor achtundfünfzig Jahren mit zitternder Hand geschrieben hatte: Ich warte.

Im Frühjahr 1968 war Wiebke Lorenzen einundzwanzig gewesen und hatte im Büro der Werft Lohnlisten getippt. Er hatte das Klavier ihrer Eltern in jenem Frühling dreimal gestimmt, zweimal davon ohne jeden Grund, und sie hatte ihn jedes Mal bis zur Gartenpforte gebracht und nie gefragt, warum ein Klavier so oft sein könne. Er hatte wenig gesagt in jenem Frühling, viel zu wenig, und im Sommer hatte sie einen Schiffsingenieur aus Kiel geheiratet, der mehr redete. Die zwei Wörter im Gehäuse waren das Mutigste, was Heinrich Ahlers in seinem Leben getan hatte, und niemand hatte sie je gelesen.

Dann sah er die anderen Buchstaben, direkt darunter. Keine Stimmerhand: zu groß, zu fest aufgedrückt, ungleichmäßig, als hätte jemand im Halbdunkel gearbeitet, halb liegend, mit dem Kopf im Instrument. Ich auch. W. Heinrich setzte die Brille ab, weil sie Wann hatte sie die abgeschraubt, allein, mit einem Schraubenzieher aus der Küchenschublade, und gefunden, was sie vielleicht immer geahnt hatte? Und warum war sie nicht einfach in den Bus gestiegen, zwanzig Minuten, mehr nicht? Er kannte die Antwort, natürlich. Ein Ehemann, drei Kinder, ein Haus an der Ich auch war genau so viel, wie man sagen konnte, ohne etwas kaputt zu machen.

„Ist es sehr fragte die junge Frau von der Tür her. Heinrich räusperte sich. „Ein Klavier, das niemand spielt, sich nicht“, sagte er. „Es vergisst nur. Eine Saite ist gerissen, im Diskant. Das ist das Häufigste.“ – „Kann man das reparieren?“ – „Man kann alles reparieren“, sagte er, „was nicht aus Fleisch ist.“ Sie sah ihn an, und erst jetzt bemerkte er, dass sie Wiebkes Augen hatte, dieses graue Abwarten, das einen zwang weiterzusprechen. „Wissen Sie, was das Schöne an meinem Beruf ist?“, fragte er. „Am Ende darf man sagen: Es stimmt. Über wie viele Dinge im Leben kann man das sagen?“

Er brauchte an diesem Tag drei Stunden, doppelt so lange wie nötig. Er zog die neue Saite auf, drehte jeden um Bruchteile eines Grades, horchte auf die bis sie verschwanden, und stimmte das Instrument genauer, als es ein dieser Art je verdient hätte. Als Jule Hansen ihn bezahlen wollte, schüttelte er den Kopf. „Das ist schon bezahlt“, sagte er, „vor langer Zeit.“ An der Gartenpforte, die dieselbe war wie damals, sagte sie, sie werde das Klavier wohl doch nicht verkaufen.

Bevor er die wieder angeschraubt hatte, hatte er den Bleistift genommen und, wie es sich gehört, seine Arbeit signiert, unter alle anderen, unter das Ich warte und unter das Ich auch: H. A. 10. 26. Und nach kurzem Zögern, mit einer Hand, die ruhiger war als vor achtundfünfzig Jahren, noch ein Wort dazu: Stimmt.

Comprehension check

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1. What do piano tuners write inside the instruments they tune?

2. What does the story suggest about Heinrich's visits in the spring of 1968?

3. How does Heinrich explain to himself why Wiebke never came to him?

4. What does Jule decide at the end of the visit?