Short story
Daktylus über Tempelhof
During the Berlin Airlift of 1948, an elderly Latin teacher in a half-ruined school next to Tempelhof airfield turns the roar of the supply planes into a lesson in metre, much to the scorn of a hungry thirteen-year-old black marketeer.
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Words to know (12)
- die Zäsur · caesura (a pause in a line of verse)
- der Studienrat · senior grammar-school teacher (title)
- die Blockade · blockade
- der Takt · rhythm, beat
- hager · gaunt, lean
- der Wink · signal, sign (with the hand)
- der Epiker · epic poet
- die Strafarbeit · punishment exercise, lines
- der Luftwaffenhelfer · air force auxiliary (schoolboy manning anti-aircraft guns)
- die Flak · anti-aircraft gun(s)
- sich etwas abgewöhnen · to break the habit of something
- innehalten · to pause, stop
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Ich bin einundneunzig Jahre alt, und das Einzige, was mir vom Lateinunterricht geblieben ist, ist ein Vers, den es in keinem Buch gibt, und das Wissen, was eine ist. Beides verdanke ich Dr. Ewald Kranich, für alte Sprachen am Gymnasium in der Boelckestraße, und beides verdanke ich, wenn man es genau nimmt, den Amerikanern.
Im Herbst 1948 lag unsere Schule, oder was von ihr übrig war, keine zwei Kilometer vom Flughafen Tempelhof entfernt. Die Russen hatten die Straßen nach Berlin gesperrt, und seit dem Sommer flogen die Westmächte alles, was die Stadt zum Leben brauchte, auf dem Luftweg ein: Mehl, Kohle, Milchpulver, Medikamente, angeblich sogar ein Kraftwerk in Einzelteilen. Die Maschinen kamen in einem den man bald im Schlaf mitzählte, alle paar Minuten eine, Tag und Nacht, und wenn sie über unser Dach hinwegdonnerten, klirrten die Pappfenster, die keine Scheiben mehr hatten, und kein menschliches Wort kam dagegen an.
Ich war dreizehn, hungrig und, wie meine Mutter sagte, schon zu klug für mein Alter. Meine eigentliche Ausbildung erhielt ich nachmittags am Bahnhof Zoo, wo ich amerikanische Zigaretten gegen alles tauschte, was sich tauschen ließ. Dass ein Mann wie Kranich, siebzig, mit einem Kragen, der älter war als ich, uns vormittags Vergil beibringen wollte, während über uns das Brot vom Himmel fiel, kam mir vor wie ein Witz, den nur Erwachsene komisch finden. Arma virumque cano. Ich besang lieber Lucky Strike.
Kranich hatte anfangs versucht, gegen die Flugzeuge anzureden. Er gab es nach drei Tagen auf. Stattdessen begann er, in den Lärm hinein zu unterrichten. Wenn er eine Maschine kommen hörte, hob er die Hand, die Klasse verstummte, und wir zählten, auf seinen die Motoren mit: lang, kurz, kurz. Lang, kurz, kurz. Das sei ein Daktylus, erklärte er in der Stille danach, der Finger, ein langes Glied und zwei kurze, und sechs davon hintereinander ergäben einen Hexameter, den Vers Homers und Vergils. Die Amerikaner, sagte er trocken, seien demnach die ersten des Luftverkehrs.
Mich beeindruckte das nicht. Eines Morgens im November erwischte er mich, wie ich unter der Bank Zigaretten zählte. Er beschlagnahmte sie nicht, was ich erwartet hatte, sondern legte sie mir zurück auf das Pult und sagte, ich bekäme eine einen lateinischen Hexameter über die Flugzeuge, bis Montag. Ich schrieb etwas zusammen, das ungefähr hieß, die Vögel aus Eisen brächten Mehl, und das in keinem einzigen Fuß stimmte. Kranich las es, nickte, als hätte ich ihm ein Gedicht von Horaz überreicht, und strich alles durch bis auf zwei Wörter. Daraus baute er, vor der ganzen Klasse, an der Tafel, im der nächsten Maschine, den Vers: „Panem portantes pennae volitant super urbem.“ Brot tragend fliegen die Flügel über die Stadt.
Nach der Stunde, als die anderen schon draußen waren, fragte ich ihn, warum er eigentlich nie hinaufsehe, wenn die Flugzeuge kämen. Alle anderen sähen hinauf, die Kinder winkten, die Alten weinten manchmal. Er wischte die Tafel ab, sehr gründlich, und sagte dann, ohne sich umzudrehen, sein Sohn sei 1944 als an einer in Lichterfelde gewesen, sechzehn Jahre alt. Damals hätten die Motoren am Himmel ungefähr genauso geklungen. Er habe in jener Zeit gelernt, nicht hinaufzusehen, und es sich nicht wieder können. Dann gab er mir meine zurück. Unter dem Vers stand: „Gut. Den Rest besorgt der Himmel.“
Die endete am 12. Mai 1949. Die Flugzeuge kamen noch eine Weile, dann seltener, und im Herbst war der Himmel über der Boelckestraße wieder so still, wie Himmel es eigentlich sind. In der ersten Lateinstunde, in der keine Maschine mehr kam, geschah etwas Merkwürdiges. Kranich las einen Vers aus der Aeneis vor, und mitten in der Zeile, an der Stelle, an der früher der Lärm eingesetzt hätte, hob er aus Gewohnheit die Hand und hielt Und dreißig Jungen, keiner von uns hätte sagen können, warum, hielten mit ihm den Atem an und warteten auf etwas, das nicht kam.
So lange hat es, glaube ich, nie wieder in einem Klassenzimmer gedauert, bis jemand etwas sagte. Später habe ich gelesen, dass die im Hexameter jener Einschnitt mitten im Vers ist, an dem der Sprecher Atem holt, eine Pause, die zum Vers gehört, obwohl in ihr nichts erklingt. Ich habe in meinem Leben viele Pausen erlebt. Keine war so laut wie diese.
Comprehension check
0/4 answered
1. What does the thirteen-year-old narrator do in the afternoons?
2. How does Kranich deal with the noise of the planes?
3. Why does Kranich never look up at the planes?
4. What happens in the first Latin lesson without planes?