Short story
Der Abonnent
During the interval of a modern production at the Vienna Burgtheater, an old season-ticket holder pours out his contempt for the staging to a young woman at the bar.
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Words to know (12)
- das Abonnement · season ticket, subscription
- inszenieren · to direct, to stage
- schäbig · shabby
- notgedrungen · of necessity
- der Schranken · (Austrian) barrier
- das Erbrechen · vomiting
- missraten · botched, a failure
- das Vorschaltgerät · ballast (of a fluorescent lamp)
- hinüber sein · (colloquial) to be broken, done for
- die Schlamperei · sloppiness
- die Unsitte · bad habit
- buhen · to boo
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Siebenundvierzig Jahre, sagte er zu der jungen Frau, die neben ihm an der Bar im Pausenfoyer stand und ein Glas Leitungswasser hielt, als halte sie sich daran fest, siebenundvierzig Jahre sitze ich in der dritten Reihe, Platz vierzehn, im und ich habe in diesen siebenundvierzig Jahren alles gesehen, den Lear dreimal, den Faust viermal, den Tasso, den kein Mensch sehen will, sechsmal, ich habe Schauspieler sterben sehen, auf der Bühne und hinterher, und ich habe nie, nicht ein einziges Mal, eine Vorstellung in der Pause verlassen, aber heute, sagte er, heute bin ich nahe daran, heute bin ich so nahe daran wie nie.
Sie haben ja gesehen, sagte er, was diese Person, ich weiß gar nicht, wer das hat, ich lese die Programmhefte nicht mehr, aus Selbstschutz lese ich sie nicht mehr, was diese Person aus dem Stück gemacht hat. Die Minna von Barnhelm in einem Parkhaus! Der Tellheim mit einem Mobiltelefon! Das Fräulein in Turnschuhen, und der Wirt, der bei Lessing ein ganz gewöhnlicher, geschwätziger Wirt ist, als Hologramm, gnädige Frau, als Hologramm. Ich habe nichts gegen die Gegenwart, ich lebe ja selbst darin, aber ich verlange, dass sie draußen bleibt, wenn ich im Theater sitze, dafür zahle ich, dafür habe ich siebenundvierzig Jahre lang bezahlt.
Die junge Frau sagte, das Parkhaus sei vielleicht ein Bild, ein Bild für eine Gesellschaft, in der alle nur kurz abstellen und gleich wieder wegfahren. Ein Bild, sagte er, ein Bild, das sagen sie alle, die jungen Leute sagen immer, es sei ein Bild, wenn ihnen nichts eingefallen ist. Ein Parkhaus ist ein Parkhaus, gnädige Frau. Ich habe zweiundvierzig Jahre lang ein Parkhaus verwaltet, das Parkhaus am Schwedenplatz, sechs Ebenen, vierhundertzwölf Stellplätze, ich weiß, wovon ich rede. In einem Parkhaus findet keine Liebe statt, in einem Parkhaus findet das Parken statt und am Wochenende das und das Einzige, was in einem Parkhaus ein Bild ist, ist der der sich hebt, wenn man bezahlt hat, und der sich nicht hebt, wenn man nicht bezahlt hat, das ist das ganze Leben, mehr Bild gibt es nicht.
Und dann flüstern sie, sagte er, sie flüstern alle in ihre kleinen Mikrofone, die sie sich an die Wange kleben wie ein Pflaster. Früher hat man in diesem Haus jedes Wort verstanden, bis hinauf auf die Galerie, heute versteht man in der dritten Reihe nichts, und wenn man doch etwas versteht, wünscht man, man hätte es nicht verstanden. Die junge Frau fragte, warum er dann noch komme. Er sah sie an, als habe sie gefragt, warum er noch atme. Weil ich abonniert bin, sagte er. Man kündigt ein nicht, nur weil es einem nicht mehr gefällt, man kündigt ja auch eine Ehe nicht. Meine Frau hat mich dreiundvierzig Jahre lang nicht gekündigt, obwohl ich ihr in mindestens vierzig davon nicht gefallen habe. Sie hat neben mir gesessen, Platz fünfzehn. Platz fünfzehn ist seit vier Jahren leer, und ich verlängere ihn trotzdem, jedes Jahr, beide Plätze, das ist keine Sentimentalität, gnädige Frau, das ist Ordnung.
Das Einzige, sagte er dann und senkte die Stimme, als verrate er ein Staatsgeheimnis, das Einzige, was an diesem ganzen Abend nicht vollkommen ist, das ist die Neonröhre. Im zweiten Akt, auf Ebene minus zwei, wo der Tellheim die Minna zurückweist, da flackert über den beiden eine Neonröhre, und zwar genau so, wie eine Neonröhre flackert, wenn das ist, nicht so, wie ein Bühnenbildner glaubt, dass sie flackert, sondern genau so. Ich hatte so eine Röhre am Schwedenplatz, Ebene minus zwei, neunzehn Jahre lang, ich habe sie nie reparieren lassen, aus Sparsamkeit, sagte ich, aus sagte meine Frau, und dann hat sie einmal gesagt, diese Röhre sei das einzig Poetische in meinem Leben, und ich habe ihr nicht widersprochen, weil sie recht hatte, sie hatte meistens recht, es war unerträglich.
Die junge Frau sagte nichts. Sie drehte das Wasserglas in der Hand. Da klingelte es zum zweiten Mal, und ein Mann mit einem Kopfhörer um den Hals drängte sich durch das Foyer und blieb vor ihr stehen. „Frau Kerschbaumer“, sagte er außer Atem, „die Technik fragt, ob die Röhre im zweiten Akt wirklich so bleiben soll. Der Beleuchter sagt, das schaut kaputt aus.“ Die junge Frau sah den alten Mann an, nur einen Augenblick lang. „Sie bleibt so“, sagte sie. „Genau so.“
Er ging zurück auf seinen Platz, dritte Reihe, Platz vierzehn, und legte seinen Mantel wie immer auf Platz fünfzehn. Er klatschte am Ende nicht; er hatte noch nie geklatscht, er hielt das Klatschen für eine die nur die Schauspieler verdirbt. Als aber die Regisseurin auf die Bühne kam, um sich zu verbeugen, und das Publikum zu begann, wie es in diesem Haus seit jeher üblich ist, wenn jemand etwas gewagt hat, stand er auf, nahm seinen Mantel vom Nachbarsitz und blieb so lange stehen, bis sie ihn gesehen hatte. Am nächsten Morgen ging er zur Kasse und verlängerte das beide Plätze, für drei weitere Jahre. Ordnung, sagte er zur Kassiererin, muss sein.
Comprehension check
0/4 answered
1. What was the old man's profession?
2. Why does he still renew seat fifteen?
3. Who is the young woman at the bar?
4. What does he do when the audience boos the director?