Short story
Das Gipfelbuch
A young man digitising old summit registers for an alpine club in Vorarlberg follows a couple who signed the book on the same mountain every fifteenth of August for half a century.
Tap a dotted word for its meaning.
Words to know (12)
- das Gipfelbuch · summit register (book signed by climbers at the top)
- abtippen · to type up
- die Geschäftsstelle · (club) office
- betäubend · numbing, stupefying
- die Margerite · oxeye daisy
- das Tragetuch · baby sling
- sich bei etwas ertappen · to catch oneself doing something
- die Gämse · chamois
- der Eindringling · intruder
- die Alpe · (Vorarlberg) alpine pasture with a hut
- mustern · to look someone over, to scrutinise
- die Kehre · hairpin bend
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Florian Bischof war Geograf, einunddreißig Jahre alt und, nach eigener Einschätzung, der einzige Mensch in Vorarlberg, der für das von Handschriften bezahlt wurde. Die Sektion Dornbirn des Alpenvereins hatte beschlossen, ihre alten zu digitalisieren, jene in Plastik gewickelten, wasserfleckigen Hefte, die in Blechkästen auf den Gipfeln liegen und in die jeder, der oben ankommt, seinen Namen, das Datum und gelegentlich einen Gedanken schreibt, den er im Tal für sich behalten hätte. Florian saß im Keller der umgeben von dreiundvierzig Kartons, und las fünfzig Jahre Bergglück, Bergwetter und Rechtschreibung.
Die meisten Einträge waren von Gleichförmigkeit. „Super Aussicht!“ „Endlich oben!“ „Gruß an alle, die das lesen.“ Doch in den Büchern vom Hohen Freschen stieß er auf etwas anderes. Jedes Jahr am 15. August, zu Mariä Himmelfahrt, stand dort ein Eintrag von zwei Personen, die nur mit ihren Initialen unterschrieben, A. und M., und neben den Initialen stand jedes Mal eine Uhrzeit. Der erste Eintrag stammte von 1974: „A. 2 Std. 10, M. 2 Std. 45. M. behauptet, sie habe die Blumen bestimmt. Es waren A.“ Darunter, in einer anderen, runderen Schrift: „Es waren auch Arnika. Wer schnell ist, sieht nichts. M.“
Florian legte die Bücher nebeneinander und las sie wie einen Briefroman. 1977 hatte A. „Hochzeitstour!!“ geschrieben, mit zwei Ausrufezeichen, und M. darunter: „Er war trotzdem schneller. Ich trage ein Kleid.“ 1981 tauchte ein drittes Kürzel auf, „und L., 4 Monate, im und die Zeiten wurden länger. In den Achtzigern schrieben sie über das Wetter und über einen Hund namens Bläsi, der 1989 zum letzten Mal mit oben war. Es gab Jahre, in denen die Einträge auffällig knapp ausfielen, nur Initialen und Zeiten, ohne Bemerkung, und Florian sich dabei, sich Sorgen um eine Ehe zu machen, deren Partner er nicht einmal mit Namen kannte. Aber sie kamen immer. Jedes Jahr. Und jedes Jahr war M. langsamer als A., und jedes Jahr hatte sie dafür eine Begründung, und jede Begründung war besser als die vorige.
2003 stand dort zum ersten Mal nur ein Buchstabe. „M. 2 Std. 05.“ Darunter, nach einer Lücke, als habe sie lange gezögert: „Ohne dich bin ich schneller. Das ist das Schlimmste daran.“ Florian saß eine Weile still in seinem Keller. Dann las er weiter. M. kam weiterhin jedes Jahr, sie schrieb jetzt nicht mehr über Blumen, sondern an A., kurze, trockene Sätze in der zweiten Person, wie man einem Menschen schreibt, der gleich zurückkommt. „Der Bläsi hätte heute die gejagt.“ „L. hat geheiratet, einen Schwaben, du hättest ihn gemocht, er läuft auch zu schnell.“ Die Zeiten wurden wieder länger. 2019 waren es vier Stunden zwanzig, die Schrift zitterte. Danach kam nichts mehr. 2020 nicht, 2021 nicht, 2022 nicht.
Florian tippte die Einträge ab, wie es seine Aufgabe war, und schrieb in die Spalte für Anmerkungen nichts, weil es keine Kategorie gab für das, was er gelesen hatte. Er sagte sich, dass es ihn nichts angehe. Dann sah er auf den Kalender. Es war der elfte August.
Am Morgen des Fünfzehnten stieg er auf den Hohen Freschen, früh, im Nebel, und kam sich vor wie ein in einer fremden Liturgie. Auf halber Höhe, an der Bank unterhalb der saß eine sehr alte Frau mit zwei Wanderstöcken und einer Thermosflasche und sah ihm entgegen. Sie trug einen Strohhut mit einem Margeritenzweig am Band. „Grüß Gott“, sagte sie. „Sie gehen zu schnell, gell.“ Er fragte, ohne recht zu wissen, warum, ob sie M. sei. Sie ihn, dann lachte sie: Sie sei drei Jahre lang krank gewesen und sich nicht sicher, ob sie es heute schaffe. Die Tochter habe ihr verboten, allein zu gehen. Die Tochter sei aber in Stuttgart.
Sie gingen zusammen. Es dauerte lange. Sie blieb an jeder stehen, zeigte ihm Arnika, Silberdistel und einen Felsen, auf dem A. 1974 gesessen und behauptet habe, er warte nicht auf sie, er bewundere nur die Aussicht. Oben, am Blechkasten, nahm sie das neue das Florian selbst im Frühjahr hinaufgetragen hatte, und schrieb, sehr langsam: „M. 4 Std. 50. Neuer Rekord.“ Dann reichte sie ihm den Stift und sagte, er solle seine Zeit dazuschreiben. Er schrieb: „F. 4 Std. 50.“ Sie las es, nickte und setzte noch eine Zeile darunter, und es war, so schien es ihm, die Handschrift von 1974: „Zu zweit war ich immer langsamer. Endlich wieder.“
Comprehension check
0/4 answered
1. What is Florian's job at the alpine club?
2. What running joke appears in A. and M.'s entries over the years?
3. What does M.'s entry in 2003 reveal?
4. Why does M. call her time of four hours fifty a "new record" and write "Endlich wieder"?