Deep End
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Short story

Das Komma

For thirty-one years an editor in Göttingen has argued with the same novelist about commas, and now his last novel ends with a sentence she is sure is wrong.

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Words to know (12)
  • klamm · hard up, short of money (colloquial)
  • der Ehekrach · marital row
  • beiläufig · offhand, casual
  • die Endgültigkeit · finality
  • sich etwas eingestehen · to admit something to oneself
  • sich entzünden (an) · to flare up (over)
  • unbestechlich · incorruptible
  • die Besatzungsmacht · occupying power
  • die Zumutung · imposition, outrage
  • infrage kommen · to come into question, to be a possibility
  • verrücken · to move, shift (furniture)
  • das Belegexemplar · author's or editor's copy of a published book

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Seit einunddreißig Jahren betreute Marie Holzapfel die Romane von Konrad Wendt, und seit einunddreißig Jahren stritten sie über Kommas, oder, wie sie selbst zu sagen pflegte, über Kommata. Der Verlag, ein ehrwürdiges und chronisch Haus in einer Göttinger Seitenstraße, hatte sich längst daran gewöhnt, dass aus ihrem Zimmer im zweiten Stock gelegentlich Geräusche drangen, die man in anderen Branchen einem zugeordnet hätte. Wendt schrieb, wie andere Leute atmen: hastig, unregelmäßig, mit langen Pausen an Stellen, wo keine hingehörten. Marie dagegen glaubte an die amtliche Rechtschreibung wie andere an die Auferstehung, nur mit besseren Belegen.

Nun lag sein letzter Roman vor ihr. Dass es der letzte sein würde, hatte er ihr am Telefon mit jener mitgeteilt, mit der er sonst Mittagessen absagte: „Ich bin dreiundachtzig, Marie. Die Ärzte sind noch höflich, aber nicht mehr zuversichtlich.“ Das Manuskript hieß „Spätlese“, und es war, das musste sie sich nach der dritten Lektüre sein bestes Buch: die Geschichte eines alten Hutmachers aus Hann. Münden, der ein Leben lang eine Frau namens Clara geliebt hatte, ohne es ihr je zu sagen, weil ihm jedes Mal, wenn es so weit war, ein Nebensatz dazwischenkam.

Der Streit sich, wie hätte es anders sein können, am allerletzten Satz. Auf Seite 412, nachträglich mit Bleistift eingefügt, stand: „Ich liebe dich nicht, Clara.“ Marie las ihn viermal, und jedes Mal kam er ihr falscher vor. Nach vierhundert Seiten verschwiegener Zärtlichkeit durfte dieses Buch nicht mit einer Absage enden; das wäre kein Schluss gewesen, sondern ein Schlag. Sie setzte ein dünnes Fragezeichen an den Rand und darunter, in ihrer kleinen, Handschrift: „Bruch mit der gesamten Figurenzeichnung. Absicht oder Versehen? Bitte prüfen. M. H.“

Zwei Wochen später kam das Manuskript zurück, mit der Post, denn E-Mails hielt Wendt für eine Form der Unhöflichkeit. Marie blätterte es durch und traute ihren Augen nicht. Er hatte sämtliche Korrekturen angenommen, jede einzelne, sogar die Semikolons, gegen die er drei Jahrzehnte lang gekämpft hatte wie gegen eine Nur auf Seite 412 hatte er etwas verändert. Das Komma war um ein einziges Wort gewandert: „Ich liebe dich, nicht Clara.“ Darunter, in einer Schrift, die inzwischen stärker zitterte als sein Stil: „So ist es richtig.“

Zuerst las sie den Satz als Lektorin. Grammatisch war er einwandfrei, erzählerisch eine Wen sollte der Hutmacher denn lieben, wenn nicht Clara? Es gab in dem ganzen Roman keine andere Frau, nicht einmal eine Nebenfigur, die dafür kam. Dann las sie ihn ein zweites Mal, langsamer, und plötzlich war es, als hätte jemand in einem vertrauten Zimmer die Möbel Clara war erfunden. Die Leserinnen und Leser würden erst später kommen, im Frühjahr, mit Rezensionen und Lesebrillen. Vor ihnen allen aber hatte es seit einunddreißig Jahren immer nur einen Menschen gegeben, der jeden Satz von Konrad Wendt als Erster las.

Sie rief ihn an, was sie sonst nie tat, ohne vorher eine Liste anzulegen. „Das ist ein Kommafehler, Konrad.“ – „Nein“, sagte er, und sie hörte, dass er lächelte. „Es ist der erste Satz seit einunddreißig Jahren, in dem ich das Komma richtig gesetzt habe. Du hast es mir doch beigebracht.“ Eine Weile hörte sie nur seinen Atem, hastig, unregelmäßig, mit Pausen an Stellen, wo keine hingehörten. „Und jetzt?“, fragte sie schließlich. „Jetzt bist du die Lektorin“, sagte er. „Du entscheidest, wo es steht.“

„Spätlese“ erschien im März, sechs Wochen nach der Beerdigung. Über das Komma auf der letzten Seite wurde mehr geschrieben als über den Rest des Buches. Ein großes Feuilleton deutete es als postmoderne Geste, als Riss in der Fiktion, durch den der Autor ein letztes Mal hindurchwinke; eine Literaturwissenschaftlerin aus Tübingen hielt es für einen Druckfehler und schrieb dem Verlag einen empörten Brief. Die Pressestelle antwortete auf alle Anfragen, die zuständige Lektorin wolle sich dazu nicht äußern.

In Maries aber steht auf Seite 412, mit Bleistift an den Rand geschrieben, ein einziges Wort. Sie hat es in ihrem Berufsleben einige Tausend Mal unter fremde Sätze gesetzt, und nur dieses eine Mal meint sie es genau so, wie es dasteht: „Einverstanden.“

Comprehension check

0/4 answered

1. Why does Marie object to the novel's last sentence at first?

2. What surprises Marie when the manuscript comes back?

3. Who does Marie come to understand the "dich" in the new sentence refers to?

4. How does the literary world react to the comma?