Short story
Das Kraut von Echterdingen
In August 1908, when Count Zeppelin's airship burns on the Filder plain and all Germany rushes to donate, a thrifty Swabian farmer sends the count a bill for his trampled cabbages.
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Words to know (12)
- das Büttenpapier / Bütten · handmade paper
- schwül · sultry, humid
- die Bö · squall, gust of wind
- das Gerippe · skeleton, frame
- das Spitzkraut · pointed cabbage (a Filder speciality)
- sich etwas vergegenwärtigen · to picture, call to mind
- der Taumel · frenzy, euphoria
- gelinde gesagt · to put it mildly
- das Scherflein der Witwe · the widow's mite (a small but generous gift)
- der Witzbold · joker, wag
- der Nachlass · estate (of a dead person)
- ungelenk · awkward, clumsy
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In unserer Familie gibt es einen Bilderrahmen, der seit fast hundert Jahren im Flur hängt und den Besucher regelmäßig für ein Kuriosum halten, was er auch ist. Darin stecken, Rücken an Rücken unter einem Glas, zwei Papiere: eine Rechnung über vierzehn Mark dreißig und ein Brief auf vornehmem mit dem Briefkopf eines Grafen. Mein Urgroßvater, Gottlob Haug, Krautbauer auf den Fildern, hat beides aufbewahrt, und er hat, wie man in seiner Generation zu sagen pflegte, gewusst, warum.
Am 5. August 1908, einem Mittwoch, ging das Luftschiff des Grafen Zeppelin, auf seiner großen Vierundzwanzigstundenfahrt von einem Motorschaden zur Landung gezwungen, bei Echterdingen nieder, auf einem Acker unweit der Haug'schen Krautfelder. Was dann geschah, steht in jedem Schulbuch: Binnen Stunden strömten Zehntausende herbei, zu Fuß, zu Pferd, mit dem Fahrrad, aus Stuttgart und dem halben Land, um das silberne Wunder aus der Nähe zu sehen. Am Nachmittag riss eine das Schiff los, es fing Feuer und verbrannte vor den Augen der Menge in wenigen Minuten bis aufs
Was in keinem Schulbuch steht: dass die Zehntausende, ehe sie weinten, gestanden haben, und zwar größtenteils in Gottlob Haugs Als sich der Rauch verzogen hatte, war von seinen schönsten zwei Morgen nichts übrig als ein grüner Brei, in dem Hutnadeln, Butterbrotpapier und, wie er später angab, ein einzelner Damenschuh lagen. Gottlob ging die Reihen ab, zählte, rechnete, und setzte sich noch am selben Abend an den Küchentisch, um an Seine Exzellenz den Grafen von Zeppelin, Friedrichshafen, eine ordnungsgemäße Rechnung zu schreiben. Sie lautete, nach Abzug der Köpfe, die noch zu retten waren, auf vierzehn Mark dreißig.
Man muss sich die Stimmung jener Tage um zu verstehen, was das bedeutete. Das Reich war im Noch während die Trümmer rauchten, begann eine Sammlung, wie das Land sie nicht gesehen hatte. Schulkinder gaben ihre Sparbüchsen, Dienstmädchen ihren Wochenlohn, Kriegervereine ihre Kassen; am Ende kamen über sechs Millionen Mark zusammen, und wer nicht gab, galt, gesagt, als vaterlandsloser Geselle. Und ausgerechnet in Echterdingen, am Ort der Katastrophe, saß einer, der nicht gab, sondern nahm. Oder doch nehmen wollte.
Das Dorf reagierte, wie Dörfer reagieren. Beim Bäcker verstummten die Gespräche, wenn Gottlob eintrat. Der Pfarrer predigte am folgenden Sonntag, mit einem Blick, der keinen Zweifel an der Adresse ließ, über das der Witwe. Und irgendein malte in der Nacht an Gottlobs Scheunentor ein Luftschiff, aus dem statt einer Gondel ein Krautkopf hing. Gottlob ließ es stehen. Er hatte, sagte er, keine Farbe zu verschenken.
Drei Wochen später kam die Antwort. Der Graf, oder vielmehr ein Sekretär in seinem Namen, bedankte sich in ausgesuchter Höflichkeit für die präzise Aufstellung, bedauerte den Schaden an den Feldfrüchten aufrichtig und legte, wie es im Brief hieß, „den geforderten Betrag in bar“ bei, vierzehn Mark dreißig, auf den Pfennig. Gottlob las den Brief zweimal, nickte, als habe er nichts anderes erwartet, legte das Geld in die Kommode und sprach nie wieder ein Wort darüber. Das Dorf hielt die Sache damit für erledigt, und Gottlob Haug für den einzigen Schwaben, der am Untergang des Luftschiffs verdient hatte.
Die Wahrheit kam erst 1931 heraus, nach seinem Tod, als mein Großvater den ordnete. In der Kommode lag, sorgfältig gefaltet, eine Quittung der Zeppelinspende des deutschen Volkes, ausgestellt im September 1908 auf einen „ungenannten Spender aus Echterdingen“, über dreihundert Mark. Es war, wie die Sparbücher bewiesen, beinahe alles, was Gottlob damals besaß. Die Quittung war auf die Rückseite seiner Abschrift der Rechnung geklebt, und darunter stand, in seiner steilen, Schrift, ein einziger Satz.
Mein Großvater ließ beides, Rechnung und Brief, zusammen rahmen, so dass man vorne den Grafen liest und hinten, wenn man den Rahmen umdreht, den Bauern. Der Satz lautet: „Bezahlt wird, was man schuldig ist, und geschenkt, was man will. Des isch zweierlei.“ Ich habe in meinem Berufsleben als Steuerberater viele kluge Bücher über Ethik und Ökonomie gelesen. Präziser hat es keines gesagt.
Comprehension check
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1. Why does Gottlob Haug write a bill to Count Zeppelin?
2. How does the village react to his bill?
3. What is discovered after his death in 1931?
4. What is the point of Gottlob's sentence on the back of the bill?